Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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NEUE MÜNCHENER POSTBAUTEN

JUSTUS BIER

Die Bauabteilung der Oberpostdirektion Mün-
chen ist heute eine der lebendigst geführten
staatlichen Bauverwaltungen. Innerhalb der tra-
ditionalistischen Münchener Schule verkörpert
sie das einzige vorwärtsdrängende Element, das
die Verbindung mit den heutigen architektoni-
schen Bestrebungen aufrecht erhält. Die Baye-
rische Postbauverwaltung ist eine noch junge In-
stitution, da bis zum Staatsvertrag von 1921 und
dem Übergang der bayerischen Post an das
Reich eine eigene bayerische Postbauverwal-
tung überhaupt nicht bestand. Bis dahin wur-
den die Hochbauten der bayerischen Post von
den Bauverwaltungen der bayerischen Staats-
bahn errichtet. Diese vermied, wo sie irgend
konnte, Neubauten, brachte vor allem die kleine-
ren Postämter meistens mietweise unter, so daß
ein starker Bedarf an Bauten vorhanden war, als
auf Grund des Staatsvertrags eine eigene Ab-
teilung des Reichspostministeriums in München
und mit ihr auch eine eigene Hochbauabteilung
für das bayerische Gebiet errichtet wurde, die
eine glückliche Führung in Ministerialrat Pö-
verlein erhielt. Pöverlein fand in Robert
Vorhoelzer als Leiter der Hochbauabteilung
der Oberpostdirektionen München und Landshut
eine ausgezeichnete Kraft, der es ähnlich wie
May in Frankfurt gelang, eine wirkliche Zusam-
menarbeit mit seinen Mitarbeitern zu erzielen und
eine von sonstigen bürokratisch und autoritär
geführten Beamtenkörpern sehr unterschiedene
Bauverwaltung zu schaffen. Der Einfluß Vor-
hoelzers machte sich durch die Überlegenheit
seiner Persönlichkeit in ganz Bayern geltend,
vor allem schon dadurch, daß die Vorhoelzersche
Bauverwaltung ständig bei ihm durchgebildete
Architekten an die Bauverwaltungen der anderen
bayerischen Oberpostdirektionen abgab.

Wer die Entwicklung der bayerischen Post-
bauten verfolgt hat, weiß, daß ein starkes roman-
tisches Element bis in die letzten Jahre bei den
leisten Bauten mitsprach. Gedanken von
Schultze-Naumburg, die willentliche Angleichung
an Vorhandenes, das Bestreben, ohne Über-
nahme detaillierter Stilformen in Massenaufbau,
Silhouette und Relief einen Gleichklang mit

historischen Bauten zu erzielen, waren für die
Formgebung bestimmend. Der Begriff der orts-
üblichen Bauweise, ein schillernder und vieldeu-
tiger Begriff, wurde zum trügerischen Lichtlein,
dem man vor allem bei den ländlichen Bauten zu
folgen suchte. Es ist als eine moralische Tat
Vorhoelzers zu achten, daß er trotz der begei-
sterten Zustimmung, die diese Bauten in der
Öffentlichkeit fanden, den Mut zur Umkehr auf-
brachte, einer Umkehr zu Zielen, die dem Laien
durchaus fragwürdig erscheinen mußten, wäh-
rend jene älteren Bauten mit ihrer bildhafteren,
malerisch freieren Form, ihrem weniger archi-
tektonisch als gemüthaften Ausdruck, jeden an-
zusprechen geeignet waren. Der Durchstoß von
jener älteren Stilstufe, die ihren Reifepunkt ja
eigentlich schon vor dem Kriege erreicht hatte
und in den bayerischen Postbauten eine mit
Gleichartigem gemessen sehr qualitätvolle Nach-
blüte erlebt hat, zu einer neuen heutigeren Form
hängt bezeichnenderweise mit dem Übergang
von kleineren Bauten auf dem Lande und in
Kleinstädten zu großen Bauaufgaben in München
zusammen. Schon bei den ländlichen Bauten
war man oft im Zweifel gewesen, welcher Form
man den Vorzug geben solle, ob der Anschluß an
Bauernhaustypen, an ländliche Barockbauten
und bürgerliche Gotik jeweils das Rechte träfe,
schon hier meldete sich die Frage, ob nicht eine
rein architektonisch bestimmte Form, die den
Staatsbau auch innerhalb seiner ländlichen und
kleinstädtischen Umgebung bewußt als aus eige-
nem Gesetz bestimmt gestaltete, der Tradition
allen ehrlichen Bauens auf echtere Weise Rech-
nung trüge als eine äußerliche Angleichung.
Über den ausgezeichnet gelösten Umbau des
Postscheckamtes München, bei dem sich Vor-
hoelzer mit einem vorzüglichen Staatsbau des
frühen 19. Jahrhunderts auseinandersetzen
mußte, den großzügigen, klar disponierten Neu-
bau der Oberpostdirektion, das funktionell neu-
artig entwickelte Paketzustellamt und das auf
der Vorderfront noch klassizistisch beschwerte,
auf der Rückfront kühn und ohne Stilreminiszen-
zen gelöste Postgebäude Galeriestraße wurde

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