Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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der Weg zu der Münchener Versuchssiedlung
und dem Postamt Tegernseer Landstraße gefun-
den. Waren bei den früheren Bauten immer noch
zumindest die Detailformen historisch-roman-
tisch bestimmt, so gelang bei diesen letzteren
Bauten der Anschluß an die heutige europäische
Baugesinnung ohne Konzessionen an die retro-
spektive Münchener Schule. Die Versuchssied-
lung und das Postamt Tegernseer Landstraße

zusammen mit einigen kleineren Postämtern sind
zugleich dia letzten unter Vorhoelzers Leitung er-
stellten Bauten der Oberpostdirektion München,
da Vorhoelzer ja inzwischen einem Ruf an die
Technische Hochschule München gefolgt ist, wo
er die schon in seiner bisherigen Tätigkeit ent-
wickelte pädagogische Begabung nun noch wirk-
samer in den Dienst der Ausbildung des Archi-
tekten-Nachwuchses stellen kann.

DIE MUNCHENER VERSUCHSSIEDLUNG

ARCHITEKTEN: PROF. VORHOELZER MIT REG.-BAUMSTR. WA LT HER SCHMIDT

Diese Versuchssiedlung der Reichsforschungs- Zeilen an der Arnulf- und Richelstraße mit ihrer
gesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Nord-Süd-Lage die Schlafzimmer gegen Norden
Wohnungswesen wurde unter der Oberleitung postieren müssen. Hätte die Stadt einer reinen
von Professor Vorhoelzer von Regie- Zeilenbauweise zugestimmt, so wäre dieser
rungsbaumeister Walther Schmidt bear- Übelstand vermieden worden. Der Grundriß hält
beitet. Die Siedlung umfaßt rd. 300 Wohnungen gemäß süddeutscher Gepflogenheit am Flur mit
für den Bayerischen Post- und Telegrafen-Ver- unmittelbarem Zugang für alle Räume fest, ein
band München. Sie gruppiert sich in offenen Prinzip, das schon im süddeutschen Bauern-
Zeilen um einen rd. zwei Tagwerk großen inneren haus ausgebildet ist. Ein wesentlicher Fort-
Gartenhof. Die städtebauliche Anlage verläßt das schritt gegenüber dem bisherigen Gebrauch ist
bisher in München übliche, städtischerseits ge- die Gliederung der üblichen Wohnküche in
förderte geschlossene Blocksystem, sucht durch Wohnraum und Küche mit gläserner Trenn-
Offenlassung der Blockecken und durch die wand, die Beaufsichtigung der Kinder im
weiträumige Anlage des Innenhofes der Zeilen- Wohnraum ermöglicht und sich trotz des offe-
bauweise angenäherte Wohnbedingungen zu nen Durchgangs als Dunsthaube auswirkt. Der
schaffen. Der Forschungszweck erstreckte sich Küchenteil liegt ebenso wie das Bad hinter der
auf Ausprobung verschiedener Konstruktionen Loggia, die bei späteren Ausführungen gegen-
der Außenwände, Decken, Innenwände und über dem zuerst verwendeten Grundrißtyp noch
Dächer, so daß — um eine einheitliche Ver- breiter ausgebildet worden ist. (Vergleiche den
gleichsbasis zu gewährleisten — ein Woh- abgebildeten Wohnungsgrundriß und dagegen
nungsgrundriß sowohl für Ost-West- wie Nord- die fotografische und isometrische Ansicht der
Südwohnungen durchgeführt werden mußte. Von ,,Münchener Küche", wie dieser unterteilte
den sechs großen Zeilen sind vier so gelagert, Wohnküchentyp genannt wird,
daß sie Ost-West-Sonne haben, wogegen die Die äußere Gestaltung der Siedlungsbauten

ist sehr schlicht und klar, die Form nur durch
das funktionell Notwendige bestimmt. Bezeich-
nend die reinliche Gestaltung — ohne Auf-
schiebling und erweichende Kurvung der Dach-
schräge — bei den Satteldächern der äußeren
Zeilen. Bei den inneren, um den Gartenhof grup-
pierten Zeilen sind Pultdächer und — an Ost-
und Westseite — flache Dachterrassen ange-
wandt, entsprechend dem Forschungszweck,
der diese variable Dachgestaltung notwendig
machte.

Plan der Versuchssiedlung München Arnulfstraße

Plan de la colonie d'essai de Munich-Arnulfstrasse

Ground plan of the experimental settlement in the Arnulf Strasse
in Munich

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