Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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schiedenen Klassen, einer Beherrschung der ganzen
Lehre durch geistige Ideen, die aus der allgemeinen
geistigen Situation der Gegenwart genommen wer-
den müssen. Und es ist der Glaube an die Möglich-
keit, auf diese Weise in der Tat eine „Hochschule"
der Kunst zu schaffen, die den Anspruch einer be-
herrschenden Stellung über den anderen Schultypen
nicht mit der Erhabenheit der „freien" und „hohen"
Kunst gegenüber den anderen Gebieten der ge-
staltenden Arbeit begründet, sondern mit der Ver-
pflichtung, die gesamte Arbeit unter die Herrschaft
des Geistes zu stellen und so den „Künstler" höhe-
ren Sinnes klar und unzweideutig von dem bloßen
„Maler" zu scheiden. Der Anspruch an geistige
Arbeit, der damit an Lehrer und Schüler gestellt
wird, ist allerdings außerordentlich groß und wäre
noch vor kurzem als sinnlos und zweckwidrig abge-
lehnt worden; heute ist er der treffende Ausdruck
unserer ganzen tief problematischen, aus der Pro-
blematik in die Helle der Bewußtheit strebenden
künstlerischen Situation. Die Frage ist heute nicht
mehr, ob es überhaupt einen Sinn hat, sich auf einer
Kunstschule um geistige Fragen zu bemühen, sonj
dem nur noch: auf welche Weise dies zu geschehen
habe, wie es gelingen könne, die Schüler nicht nur
zum Nachdenken über ihre eigentliche Arbeit, son-

dern überhaupt zu einer bewußten Stellung zu den
geistigen Problemen der Zeit zu erziehen und dabei
die geistige Arbeit für die künstlerische Produktion
unmittelbar nutzbar zu machen.

Der nun für Düsseldorf aufgezeigte Weg ist von
allen bisher vorgeschlagenen sicherlich der kühnste,
nicht wegen seiner Neuheit, sondern weil im Gegen-
teil versucht ist, die Brücken zur Vergangenheit
nicht abzubrechen und dabei doch den Anschluß an
die neue Situation zu gewinnen. Dadurch und durch
den Reichtum der angeschnittenen rein geistigen
Probleme kompliziert sich die Frage außerordent-
lich und ist die Auswertung für die tatsächliche Lei-
stung der Schule sehr erschwert. Man wird daher
von dieser Schule nicht so rasch schon sichtbare
Ergebnisse erwarten dürfen, wie sie etwa das Bau-
haus schon nach wenigen Jahren aufzuweisen hatte
oder wie wir sie in diesem Hefte von der Ittenschule,
deren geistige Grundlage unvergleichlich einfacher
und von weiser Beschränkung ist, vorlegen können.
Erst eine etwas fernere Zukunft wird, wenn anders
der Düsseldorfer Akademie die auch von uns er-
hoffte ruhige Entwicklung gegönnt wird, zeigen, ob
auf diesem Wege das erstrebte Ziel einer Erneue-
rung der künstlerischen Kultur überhaupt zu errei-
chen ist.

RUNDSCHAU

DAMMERSTOCK

ADOLFBEHNE

An der Siedlung Dammerstock - Karlsruhe ist
manche feindselige und gehässige Kritik geübt wor-
den. Es bedarf wohl keiner Versicherung, daß solche
Kritik hier nicht unterstützt wird. Keinen Augen-
blick sollen hier Bedeutung und Wert der Leistung
verkannt werden, die auch ihre Urheber nur für eine
Etappe auf dem Wege zum besten Wohnbau halten.
Wenn wir nach einem Besuche in Dammerstock
einige kritische Bemerkungen vorbringen, geschieht
es im gemeinsamen Interesse der Weiterarbeit an
den Problemen.

Der Dammerstock ist heute das konsequenteste
Beispiel einer Siedlung im Zeilenbau. Ermutigt, be-
rechtigt dieses Beispiel, am Prinzip starr festzu-
halten?

Die erheblichen Vorteile des Systems werden
nicht geleugnet, aber sie können gewahrt werden
auch bei einer weniger dogmatischen Anwendung.

Man wird uns fragen, welche Nachteile denn die
konsequente Anwendung des Zeilenbaues in Dam-
merstock aufweise?

Es sind das, um es vorweg zu sagen, keine prak-
tisch-technischen Nachteile, wenigstens behaupten
wir solche, von Einzelheiten abgesehen, nicht.

Es sind also ästhetische Einwendungen, die wir
erheben?

Es kommt darauf an, was wir unter Ästhetik ver-
stehen wollen.

Aber bezeichnen wir zunächst einmal die frag-
lichen Punkte.

Schon in seinem jetzigen Umfang, der sich ja noch
erheblich ausdehnen soll, wirkt die Ausschließlich-
keit der Nord-Süd-Zeilen „unrichtig".

Die Ausschließlichkeit der Nord-Süd-Zeilen kommt
bekanntlich aus dem Bestreben des Siedlungsbau-
ers, allen Wohnungen eine Ost- und eine Westseite
zu geben, allen Räumen also eine Sonnenseite.

Muß dieser Rücksicht nicht wirklich jede andere
Rücksicht weichen? Oder bitte: welche andere,
welche höhere Rücksicht könnte ein Abweichen von
diesem Prinzip rechtfertigen? Sollen wir, wird der
Siedlungsbauer gleich hinzufügen, für romantische
Spielereien einen Teil der Bewohner, sollen wir etwa
für ästhetische Mätzchen lebendige Menschen von
Licht und Luft ausschalten?

Bauen und erst recht Siedlungsbauen ist ein sehr
komplexer Begriff. Sehr vielen Ansprüchen muß der
Bauende gerecht werden. Daß der Bauende allen
erdenkbaren Ansprüchen gleicherweise gerecht

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