Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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ZUM PROGRAMM DER AUSSTELLUNG DIE NEUE ZEIT

HERMANN VON MÜLLER

Wer die Idee der Ausstellung ..Die Neue Zeit"
nach der ersten Überraschung, die diese großange-
legte Konzeption erregen mag. nachdenkend in sich
bewegt und zur Gestalt werden läßt, muß sie mit
freudiger Zustimmung aufnehmen. Es ist das be-
sondere Verdienst Ernst Jäckhs, gegenüber dem
vielen Reden von der „Krisis" der Kultur, die Wirk-
lichkeit unserer Kultur, nämlich die säkulare Wand-
lung des Seins und Wollens, Wertens und Gestaltens
m einer großen zusammenfassenden Schau als ein
Faktum vor Augen stellen zu wollen. Darum muß
seine Idee bejaht werden, auch und gerade dann,
wenn die Größe der Aufgabe und die Größe der an-
fangs fast unüberwindlich scheinenden Schwierig-
keiten erkannt, nicht verkannt, nicht unterschätzt
wird. Denn das ist das Mitreißende, das Faszinie-
rende dieser Idee, daß sie dem verbreiteten Kul-
turpessimismus einen Optimismus, den Mut zu den
Aufgaben dieser Zeit entgegenstellt.

Die Ausstellung „Die Neue Zeit" wird und muß
daher nicht nur ein Ausdruck, sondern eine Bestäti-
gung und Mehrung der Kräfte sein, die in der Zeit
und für sie leben. Bedingung solcher Wirkung ist
jedoch, daß die Idee tatsächlich in ihrem Wesens-
inhalt realisiert wird, daß sie nicht in Teillösungen,
Ansätzen und Kompromissen versandet. Daß sie
also auch den zweifellos großen Hemmungen und
Widerständen der Realität gegenüber unverbogen
und unverkümmert in ihrem Gehalt sich durchsetzt.
Denn hier ist die Verwirklichung in einem viel volle-
ren Sinne Verwirklichung einer Idee, als es bisher
bei irgendeiner Ausstellung der Fall gewesen sein
mag.

Es ist deshalb zu begrüßen, daß Ernst Jäckh,
der Inaugurator der Ausstellung ,,Die Neue Zeit",
in der Erkenntnis dieser Zusammenhänge die Ge-
samtaufgabe, als Idee und als Verwirklichung, zur
Erörterung gestellt und für Inhalt und Plan der Aus-
stellung ein klar umrissenes, umfassendes Programm
aufgestellt hat. (Heft 15 der „Form" 1929.) Dieses
Programm findet seinen thematisch und zugleich
räumlich ordnenden Ausdruck in einem zyklischen
Schema, das, in sich organisch geschlossen, alles
zusammenfaßt, was für die Ausstellung wesentlich
ist. An einem so geschlossenen, organisch geglie-
derten Entwurf Einzelheiten, Teilstücke zu kritisie-
ren und dieses Ganze durch Herauslösen oder Hin-
zufügen von Bestandteilen ändern, ergänzen zu wol-
len, scheint mir ein Verstoß gegen das innere Gesetz
solcher Konzeptionen. Solches Beginnen kann des-
halb zu keinem befriedigenden Ergebnis führen.

Die folgenden Ausführungen sind daher ein Ver-
such, das Gesamtthema auf einem anderen Wege,
von einem veränderten Ausgangspunkt aus zu fas-
sen und zu gestalten. Aus der anderen Einstellung
werden sich Abweichungen, aus der Identität der
Aufgabe und des Stoffes weitgehende Ubereinstim-
mungen mit dem Jäckh sehen Programm ergeben.
Diese Abweichungen und Übereinstimmungen werden
auch in einem Schema des Ausstellungsplanes sicht-
bar werden. Zunächst aber handelt es sich nicht
um den Raum-Plan der Ausstellung selbst, sondern

um eine Gliederung d es Gesamtthemas
„Die Neue Zeit", das ich in den Ausdruck fasse:
„Mensch und Welt in der neuen Zei t." Da-
mit ist der Ausgangspunkt in die urphänomenale Po-
larität zwischen Mensch und Welt gelegt, in die Sub-
jekt-Objekt-Beziehung, deren bipolare Spannung
allen Formen des Welt-Anschauens und Welt-For-
mens unablösbar innewohnt. Von diesem Ausgangs-
punkte läßt sich zunächst ein thematischer Aufbau,
dann auch ein gegliederter Plan für die Ausstellung
entwickeln.

Aus der polaren Fassung des Themas ergibt sich
eine dynamische Gliederung der Gesamtaufgabe.
Dem Menschen, der Menschheit stellt sich die um-
gebende Welt, in der sie selbst wirkt und lebt, als
wirkend erlebte Totalität gegenüber; darstellbar
durch die äußerste Peripherie einer Kreisfläche, die
hier Symbol der Kugelgestalt ist. Von dieser Totali-
tät umfaßt, steht die Menschheit, der Mensch im
Wirkungsfeld fremder und eigner Kräfte, Spannun-
gen und Beziehungen: als dynamisches Zentrum, das
jedoch weder räumlich-kosmisch noch sinngebend-
philosophisch als „Mittelpunkt" mißverstanden wer-
den darf. Sie steht vielmehr an dieser Stelle als Be-
ziehungs- und Ausgangspunkt der zwei polar gerich-
teten, zugleich einander zugeordneten Funktionen:
des Erlebnisses und des formenden
Willens.

Damit ist die grundlegende Gegenüberstellung ge-
geben (Abb. 1). Betrachten wir zunächst die Erleb-
nis-Funktion; darstellbar als eine, obere, der bei-
den Hemisphären. Es gibt kein Erlebnis, das
nicht zugleich Gestaltung ist. Die Welt steht
hier für den Menschen unter der dynamischen Kate-
gorie: Erlebnis-Gestaltung (griechisch: „theoria" -
das Anschauen, das immer zugleich Gestaltung sein
muß). Aus der Polarität: Mensch — Welt gehen dem-
gemäß im Erleben zwei „Bilder" hervor: das Welt-
Erlebnis, gestaltet zum Bilde derWelt, und
das Selbst-Erlebnis, gestaltet zum Bilde
des Menschen. Die beiden Bilder, gleichsam
dynamische Kerne dieser Hemisphäre, projizieren
sich in den Kulturgestaltungen wie in einem Strah-
lenkranz an den Horizont der erlebten Welt. Diese
aber umfassen in ihren objektivierten Inhalten wie-
derum die Totalität der gestalteten Welt: vom Bilde
der Welt aus unter den Aspekten der Wissenschaf-
ten von der Natur und der Wissenschaften vom
Geist bis zur Philosophie: vom Bilde des Menschen
aus unter den Aspekten der Wissenschaften vom
Menschen und der philosophischen Menschenkunde
bis zur Weisheit. Zusammengeschlossen aber wer-
den beide Tendenzen objektivierender Gestaltung
in den universal gestaltenden Mächten, in der Kunst
(Bildende Kunst, Dichtung. Musik) und in der Religion.

Anordnung. Aufbau und Gipfelung der „objektiven"
Gestaltungen, die aus dem erlebenden und gestal-
tenden Verhalten der Menschheit entspringen, ist
unmittelbar einleuchtend: jedes Glied steht in sinn-
vollem Bezug, in innerer Ordnung und Verbindung zu
allen anderen Gliedern und zum Ganzen. Die be-
herrschenden Bilder des Menschen und der Welt

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