Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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lungen liegen auch bereits bei im allgemeinen
dezentralisierter Siedlung grundsätzlich fest, vor
allen Dingen ein Hauptort in der Mitte des Pol-
ders, der für alle Sicherheit einen künstlichen
Fluchthügel in seiner Mitte haben wird.

Kritische Betrachtungen über die Form der
Siedlung und Parzellierung sind wohl noch nicht
möglich, da man nicht weiß, inwieweit die im
Haarlemer Meerpolder sehr bewährte Siedlungs-
methode sich auch in dem neuen Polder bewäh-
ren wird. Ob die neue Landschaft auch der des
Haarlemer Meeres gleichen wird, das als Acker-
baugebiet nicht ganz den Charakter der typisch
holländischen Viehzuchtlandschaft trägt und
mehr gewissen zeeländischen und groninger,
gleichfalls mehr Ackerbau treibenden Gebieten
ähnelt, oder ob es die typischen Züge der hol-
ländisch-friesischen Landschaft tragen wird,
läßt sich noch nicht sagen.

Es scheint, daß man die Ansiedlungsmöglich-
keit in den Poldern der Zuiderzee sehr vorsich-
tig berechnet. Vor allen Dingen scheint man zu-
nächst nur an landwirtschaftliche Besiedlung zu

denken. Daß es indessen in einem so dicht be-
siedelten und hochindustriellen Land und bei so
starker Verflechtung von Landwirtschaft und
Industrie auch zu industrieller Besiedlung kom-
men muß, scheint ziemlich wahrscheinlich. Je-
doch scheint man aus Gründen der Vorsicht
dem nicht Rechnung zu tragen. Damit erklärt sich
auch der zur Zeit nicht zu leugnende Pessimis-
mus, der auf der Tatsache beruht, daß nach den
heutigen Berechnungen die ursprünglich auf
etwa 500 bis 600 Millionen Gulden berechneten
Gesamtkosten weit überschritten werden, so daß
mit Kosten von über eine Milliarde Gulden bereits
als sicherstehend gerechnet wird. Dem steht
aber gegenüber, daß selbst, wenn der Verkauf
des Bodens an landwirtschaftliche Benutzer eine
direkte privatwirtschaftliche Rentabilität für den
Fiskus nicht schafft, der Wertzuwachs zufolge
sich später bildender Zusatz-Ansiedlung in Form
industrieller und kaufmännischer Betriebe mit
ihren Arbeitern und Angestellten eine Rentabilität
in volkswirtschaftlichem Sinne gewiß erzeugen
wird.

STÄDTEBAU

NEUE LITERATUR ÜBER STÄDTEBAU

LUDWIG HILBERSE1MER

Keine Zeit war städtebaulichen Erneuerungen
günstiger als die heutige. Trotz Kapitalmangel und
Wirtschaftskrise sind die Forderungen, die die neue
Zeit an den Stadtorganismus stellt, von so zwingen-
der Art, daß ihre Durchführung unaufschiebbar ist.
Dazu kommen der ins Riesenhafte gewachsene
Wohnbedarf und die gleichzeitigen Umsiedlungsnot-
wendigkeiten.

In dieser Situation sind daher alle Bücher, die
städtebauliche Fragen behandeln, von besonderem
Interesse und zur Klärung der damit zusammenhän-
genden Probleme geeignet.

Die amerikanischen Großstädte lassen die kata-
strophale Entwicklung, die heute ihre Existenz be-
droht, am deutlichsten erkennen. Der dem beginnen-
den Kapitalismus zugrunde liegende Gedanke der
absolut freien Wirtschaft wirkte sich auch in der
Anlage und dem Ausbau der Großstädte aus, deren
planloser und sich daher jetzt selbst zerstörender
Organismus nur dadurch möglich wurde, daß der
Willkür des einzelnen keine gesetzgeberischen
Schranken gesetzt waren.

Sehr instruktives Material über die amerikani-
schen Städte gibt Martin Wagner in seinem Buch
„Städtebauliche Probleme in amerikanischen
Städten und ihre Rückwirkung auf den deutschen
Städtebau" (Verlag Deutsche Bauzeitung, Berlin):
ein Bericht über eine im vergangenen Jahr statt-
gefundene Reise nach Amerika, bei der er New York,
Boston, Buffalo, Cleveland, Detroit, Chicago, Los

Angeles, San Francisco, Milwaukee, Washington,
Philadelphia und Atlantic City besuchte.

Es kam Wagner vor allen Dingen darauf an, den
Einfluß des Automobils auf die städtebauliche Ge-
staltung zu studieren und ganz allgemein die Ent-
wicklungstendenzen des Wachstums der Großstädte
kennenzulernen. Er kommt ebenso wie die Ameri-
kaner zu dem Ergebnis, daß „die Entwicklung der
Großstädte zu höchster volkswirtschaftlicher Pro-
duktivität eine städtebauliche Gesetzgebung vor-
aussetzt, die das Gesamtinteresse über das Inter-
esse des einzelnen stellt und in ihrer ganzen ju-
ristischen Form den Städten einen Bewegungsspiel-
raum gibt, der mit dem der Wirtschaft und techni-
schen Entwicklung der Zeit Schritt zu halten ver-
mag". Eine private Kommission hat die Kosten für
Sanierungsarbeiten für Groß-NewYork in den näch-
sten 15 Jahren auf 12,6 Milliarden Mark geschätzt,
d. h. jährlich 850 Millionen Mark. „Die Amerikaner
stellen sich nun mit vollem Recht auf den Stand-
punkt, daß diese Millionen, ob mit ob ohne General-
bebauungsplan, doch ausgegeben werden müssen
und daß es vom ökonomischen Standpunkt aus ge-
sehen völlig sinnlos sei, sie ,planlos', d. h. nach
wenigen Jahren doppelt ausgeben zu müssen."

Diese ökonomische Erkenntnis ist städtebaulich
von außerordentlicher Bedeutung und verurteilt mit
Recht jedes planlose, von Tageserfordernissen dik-
tierte Arbeiten. Von besonderem Interesse in dem
Wagnerschen Buch ist der stete Hinweis auf Berlin,

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