Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

Page: 356
DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/form1930/0418
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
in dem Augenblick, in dem sie den produktiven Woh-
nungsbau als wichtigen Punkt in ihr Sanierungs-
programm aufnimmt, es unterläßt, auf das Problem
der Umsiedlung auch nur hinzuweisen.

Nicht der Bedarf an sich, auf den sich die Regie-
rung beruft, sondern der Bedarf im Zusammenhang
einer produktiven Umordnung der Wirtschaft kann
die Richtung zu einem produktiven Wohnungsbau an-
geben. Freilich muß man dazu wirtschaftspolitische
Leitgedanken haben, man muß z. B. wissen, welche
Industrien man besonders fördern will und ähn-
liches mehr.

Am Bedarf vorbei.

Auf der gleichen Frankfurter Tagung ist ausge-
sprochen worden, daß „am Bedarf vorbei gebaut"
worden sei. Vielleicht trifft das noch nicht so all-
gemein zu; wahr ist aber, daß die Wohnungen, die
in den letzten Jahren mit Hauszinssteuermitteln
gebaut wurden, nur zum geringsten Teil für Arbeiter
erschwinglich sind, daß sie ihren Mieten nach haupt-
sächlich Wohnungen des sogenannten neuen Mittel-
standes sind, also vor allem der Beamten und Ange-
stellten, ohne, der Gestaltung nach, die Bedürfnisse
dieser Konsumentenschicht allzugut zu treffen. Wahr
ist ferner — auch an dieser Stelle wurde schon
darauf hingewiesen —, daß die zahlungsfähige Nach-
frage nach dieser Art Wohnungen in vielen Städten
schon ganz oder nahezu befriedigt ist, während ein
weniger zahlungsfähiger, aber sozialpolitisch und
volkshygienisch geradezu schreiender Bedarf noch
in enormem Umfange ungedeckt bleibt.

Damit ist im Wohnungsbau ein toter Punkt er-
reicht, der ohne ganz besondere Anstrengungen
ebenso wenig überwunden werden kann, wie der
tote Punkt in der Konjunktur. War dieser Stand der
Dinge der Regierung bekannt, als sie in ihr Sanie-
rungsprogramm 40 000 Wohnungen aufnahm? Wenn
ja, was für Wohnungen sind gemeint? Wenn nein,
warum hat die Regierung sich nicht vorher bei den
Sachverständigen unterrichtet?

RFG.

Die Regierung könnte ihre Sachverständigen
haben — wenn sie rechtzeitig gewollt hätte. Wenn
jemals, so wäre jetzt der Augenblick für die Reichs-
forschungsgesellschaft gegeben, mit einer großen

Tat zum Sanierungswerk beizutragen und damit ihre
Existenzberechtigung zu beweisen. Leider ist es
offenbar nicht möglich, die Unterlassungssünden
langer Jahre in der nötigen Kürze gutzumachen.
Ja man muß sogar mit Besorgnis feststellen, daß bei
der noch im Fluß befindlichen Umorganisierung der
Gesellschaft sich noch immer Kräfte betätigen dür-
fen, die an den Unterlassungssünden des alten Re-
gimes in hohem Maße beteiligt waren.

Hier kann nur brutale Rücksichtslosigkeit helfen,
wenn das Nest von Cliquen- und Beziehungswirt-
schaft, das die RFG. von früher her durchwuchert,
beseitigt werden und wenn die RFG. ihre Auf-
gabe erfüllen soll. Noch kann z. B. Herr Haber-
landt vor dem Untersuchungsausschuß des Preu-
ßischen Landtages behaupten, das Chapman-Ange-
bot sei ein Bluff gewesen, weil es versprochen habe,
die Baukosten um 10 v. H. zu senken — ohne daß
die RFG. autoritativ erklärt, eine solche Senkung
sei kein Bluff, sondern als möglich erwiesen. Noch
ist es z. B. möglich, daß eine großstädtische Woh-
nungsfürsorgegesellschaft die Ausführung von Bau-
ten mit solchen und noch höheren Kostensenkungen
verhindert, obwohl der Erfolg der betreffenden Stu-
dien und Methoden an andrem Ort durch die Praxis
bewiesen ist — ohne daß die RFG. solche Vorgänge,
die den Verdacht der Sabotage nahelegen, kritisch
unter die Lupe nimmt. Und wo bleibt die Unter-
suchung der Preisbildung in der Baustoffindustrie?
Wo bleibt die Untersuchung der Zinsgewinne der
Hypothekenbanken? Wo bleibt die Untersuchung
der Preisbildung bei Grundstückskäufen der öffent-
lichen Hand einerseits, bei Enteignung andrerseits?

Nachdem man festgestellt hat, daß „am Bedarf vor-
bei" gebaut worden ist, ruft heute alle Welt nach der
„Einfachwohnung" — früher nannte man es „Kleinst-
wohnung". Ein sehr einfaches Rezept: hat man bis-
her schon den Meter zu 90 Zentimeter rechnen müs-
sen, so rechne man eben künftig zu 80 Zentimeter.
Und wenn die Proletariervilla für den Arbeiter nicht
erschwinglich ist, so muß er sich halt mit einer ver-
besserten Wohnlaube begnügen.

Wenn man das will, dann braucht man freilich
keine Forschungsgesellschaft. Aber dann wird man
auch nie über den toten Punkt wegkommen, weder
im Bau- und Wohnungswesen, noch in der Gesamt-
wirtschaft.

DAS LENBACHHAUS IN MÜNCHEN

Irrtümlich wurde zu dem Aufsatz „Münchner
falsche Prinzipien .." (Heft 9) der Grundriß des Erd-
geschosses des Lenbachhauses abgebildet; seine
Gestaltung ist im Zusammenhang der Ausführungen
ganz unwesentlich. Es sollte vielmehr der neben-
stehende Grundriß, der das Verhältnis von Architek-
tur und Garten im alten Zustande zeigt, dem heu-
tigen Zustande mit dem Anbau gegenübergestellt
werden, um den gekennzeichneten störenden Ein-
griff einigermaßen zu veranschaulichen.

Anschriften der Mitarbeiter dieses Heftes:

Dr. Sorna Morgenstern, Wien XIII, Hietz, Hauptstr. 38c
Architekt Ludwig H i l b e r s e i m e r, Berlin-Wilmersdorf, Emser Str. 14
Architekt H. de Fries, Professor an der Staatlichen Kunstakademie,
Düsseldorf

Dr. Alexander Schwab Berlin W 57 Potsdamer Str. 93

356
loading ...