Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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Umgebung durch kahle Wände eines ungeheuren
Saales, den blauen Himmel durch ein ödes Glasdach,
und macht aus einem lebendigen Denkmal ein Ob-
jekt ästhetischer Schaulust — die aber eben durch
die ganz andersartige und in sich widersinnige neue
Umgebung — denn es ist schlechterdings unmög-
lich, ein Bauwerk in eine Halle zu setzen! — niemals
wirklich befriedigt werden kann. Man macht sich
mit Recht über die Amerikaner lustig, wenn sie in
Europa nach einer romanischen Kapelle suchen',
um sie drüben in einem Museum wieder aufzubauen
— und macht mit dem Altar von Pergamon und mit
dem Markttor von Milet genau das gleiche.

Es gibt in diesem neuen ..Architekturmuseum"
einen ganz vorbildlichen Raum: es ist der kleine
Raum mit den herrlichen Fragmenten frühgriechi-
scher Baukunst. Hier sieht man Bruchstücke von
Kapitellen. Gesimsen. Wasserspeiern und derglei-
chen so wie sie gefunden wurden, in der ganzen
unberührten Pracht ihrer Arbeit, und man erlebt un-
mittelbar und mit einer Stärke, wie es vor erhalte-
nen Bauten der Antike kaum möglich ist. die ge-
heimnisvolle Macht der Gestaltung, die diesem Volke
eigen war. (Nur noch an einem Orte ist dieses Er-
lebnis möglich: in einem der Säle des Syrakusaner
Museums, wo die gewaltigen Fragmente der sizili-
schen Tempelarchitektur aufgestellt sind.)

Dies ist die .,museale Wirklichkeit", die an die
Stelle der ursprünglichen Existenz eines Kunst-
werks treten kann, und die wahrhaftig nicht zu
unterschätzen ist. weil sie die rein in der Gestal-
tung begründete Einzelexistenz des Kunstwerks —
und sei es auch nur ein Architekturfragment — in ein
völlig neues Licht stellt. Wenn das Museum dieser
Idee der musealen Wirklichkeit dient, wird ihm nie-
mand vorwerfen können, es sei eine ..Leichenkam-
mer der Kunst". — zu der es sofort wird, wenn man
ganze Bauwerke mit Hilfe von Kunststein oder Gips-
ergänzungen unter einem Glasdach galvanisiert. Es
wurde in diesen Tagen mehrmals ausgesprochen,
daß die Bruchstücke des Gigantenfrieses eigentlich
viel stärker gewirkt hätten, als sie bald nach der
Ausgrabung in der Rotunde des alten Museums auf-
gestellt waren. Hier wirkten sie eben mit ihrer un-
geheuren originalen Kraft. — und wenn sich dieser
Raum auf die Dauer nicht als möglich erwies, so
wäre die Aufgabe die gewesen: einen Raum zu
schaffen, der die Reliefs ganz ohne Rücksicht auf
ihren ursprünglichen Zusammenhang, aber allerdings
mit Hilfe einer ..guten" und lebendigen Architektur
rein in ihrer künstlerischen Realität zu der stärkst-
möglichen Wirkung brachte.

(Im „Deutschen Museum" hat man glücklicherweise
ein anderes Prinzip verfolgt, und ist damit offenbar

von dem ursprünglichen Plane abgewichen. Man hat
auf Raumwirkungen wie die der unglücklichen Bode-
schen „Basilika" im Kaiser-Friedrich-Museum, in der
die italienischen Renaissance-Altäre um alle künst-
lerische Wirkung gebracht sind, verzichtet und jedes
Einzelwerk für sich zur Geltung gebracht. Deshaib
empfindet man diese Räume als eine wahre Wohl-
tat. — wenn auch vielleicht da und dort durch die
allzuoft wiederkehrenden Symmetrien in der Auf-
stellung die Wirkung des Einzelwerks doch wieder
einigermaßen beeinträchtigt wird. Doch ist die Auf-
gabe, eine derartige Masse von Kunstwerken museal
völlig zu bewältigen, vielleicht in der Tat unlösbar.)

5.

Diese grundsätzlichen Erwägungen mögen es
rechtfertigen, daß man jetzt so harte Kritik an dem
vollendeten Werke übt, die nichts mehr ändern kann.
Vielleicht kann sie aber weiteres Unheil verhüten.
Noch ist die Mschatta-Fassade im Kaiser-Friedrich-
Museum „provisorisch" aufgestellt. — sicher in kei-
nem idealen Raum, aber doch wenigstens ohne er-
gänzte Architektur, und wirkt da ganz gewaltig.
Wenn man in ..besseren Zeiten" auch mit ihr so ver-
fährt wie mit dem Ischtartor und den hellenistischen
Bauten, zerstört man diese Wirkung. Allerdings
würde vielleicht von den Männern, die heute für die
Gestaltung der Berliner Museen verantwortlich sind,
keiner noch einmal so etwas machen. Aber sonst
gibt es in der Welt genug Gelegenheit, wo das böse
Beispiel wirken kann. Wie man hört, war bereits der
Londoner Kunsthändler und Mäzen Sir Duveen in
Berlin, um das Pergamon-Museum zu studieren, da
er beabsichtigt, dem Britischen Museum einen An-
bau für das „Parthenon-Museum" zu stiften. Hof-
fentlich hat er in Berlin gesehen, wie man es nicht
machen darf. Sonst wäre gar nicht auszudenken,
was für neues Unheil entstünde. — wenn man etwa
versuchen wollte, Fries und Giebelfiguren des Par-
thenon nun in der „richtigen" Höhe aufzustellen und
die fehlende Architektur aus Gips oder Kunststein
oder Marmor hinzuzufügen. Der unvergleichliche
Eindruck, den diese Skulpturen trotz der Enge der
Aufstellung und trotz des nicht idealen Lichtes jetzt
machen — weil man sie in ihrer künstlerischen Reali-
tät wirklich „sieht" —, wäre unrettbar zerstört, und
an seiner Stelle hätte man eine Kulisse, in die man
ganz überflüssigerweise an Stelle von Gipsabgüssen
Originale eingefügt hätte. Will man an der Aufstel-
lung der Parthenonskulpturen in London überhaupt
etwas ändern, könnte es nach meiner Uberzeugung
nur so geschehen, daß man mehr Raum schafft, die-
sen Raum in eine sehr edle, aber ganz zurückhal-
tende und hoffentlich nicht „klassizistische" Form
bringt und für möglichst ideale Beleuchtung sorgt.

WAS IST HEIMATSCHUTZ?

WERNER LINDNER

Die Leser dieser Zeitschrift mögen sich noch ein- Staatsbank" in u„i ~.
mal die Bilder in Paul Klopfers Beitrag aus dem hat m i seinem F "f" (Abb" ^ 382 °ben)
Heft 14 1930 vergegenwärtigen. Der Verantwort- tan VmZ!^^*lT'2^ **
liche für den „endgültig beschlossenen Neubau der Baukörne H1 i,T ! ^ Kunststück- An einen

uKorper, der keinerlei organischen Anschluß an

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