Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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tete Grundrißschema ist das augenblicklich
billigste, weil es die kürzeste Fassadenlänge
ermöglicht, es dient jedoch wegen seiner
volkshygienischen Gefahren nur als Proviso-
rium — Wohnungen, die größer sind und stär-
ker differenziert, werden an seine Stelle tre-
ten, sowie das wirtschaftlich möglich ist. In
einem der Wohnungstypen ist die Küche indirekt
durch eine Glaswand belichtet und hinter die
Eßnische verlegt. Diese sparsame Anordnung
wurde vor 3 bis 4 Jahren von Amerika übernom-
men. Auch Bad und W. C. sind nur künstlich
entlüftet; es mag mit der Staub- und Rußfreiheit
der hiesigen Luft (Seenähe, verstreute Industrie)
und der entsprechenden allgemeinen Sauberkeit
zusammenhängen, daß sich derartige Anordnun-
gen hier so rasch eingebürgert und als hygie-
nisch einwandfrei bewährt haben. Die Häuser
der Siedlung werden aus Holz (verschalte Boh-
lenwände mit Verputz) gebaut. Holz ist im wald-
reichen Schweden ein konkurrenzfähiger und für
Rationalisierungsversuche geeigneter Baustoff;
das Rohmaterial ist billig, die Bearbeitung in
einer Masse kleiner leistungsfähiger Säge- und
Schreinerfabriken organisiert. Die Zimmerleute
und Bauschreiner arbeiten sehr geschickt und
rasch; ihr Arbeitslohn liegt 10 bis 15 v. H. tiefer
als der der Maurer.

Form.

Mit den vielen Schwierigkeiten, die der Ratio-
nalisierung im Wege standen und teils noch

immer hinderlich sind, hat die neue Bewegung
lange kämpfen müssen, ehe sie zu Wort kam; die
hier gezeigten ersten „funktionalistischen" Häu-
ser sind teils noch in Arbeit, keines ist älter
als zwei Jahre. In diesem Kampf mögen die
Reife, das Interesse an der Sache, die Lebens-
freude entstanden sein, die aus diesen Bauten
spricht.

Wir kennen heute den Wert alles Improvisier-
ten, seine Bedeutung für das Alltagsleben; wir
haben auf Ewigkeitsansprüche verzichten gelernt
und haben Vertrauen zur Fügung des Augen-
blicks. Ein Architekt kann heute mit ein paar
Markisen, Blumen, Stühlen lebendig bauen, durch
logisches Zusammensetzen der Küchen, Eß-
nischen und Loggien „komponieren". Er kompo-
niert nicht „mit dem Zylinder, der Kugel und
dem Kegel" (Cezanne) — auch nicht mit dem
Kubus. Bauen hat andere Gestaltungsgrund-
lagen als Malerei und Plastik. Die Form im Bauen
ergibt sich durch logische Zusammensetzung
anwendbarer Einrichtungen.

Die Ähnlichkeit wirtschaftlicher Voraussetzun-
gen, die Gleichheit der Aufgaben schaffen Ver-
wandtschaft des Bauens in allen Ländern. Die
Bauarbeit wird international, nimmt Teil am Ge-
schick der Erde. Die nationale Eigenart befreit
sich von nationalen Vorurteilen — und die indi-
viduellen Fähigkeiten des Volkes kommen in
ihrem ganzen Glanz zur Wirksamkeit. — Wirken
nicht gerade die besten der gezeigten Bauten
auf den Deutschen ausländisch, typisch nordisch?

DIE SCHWEDISCHE WERKBUNDBEWEGUNG

WALTH ER KARBE

Die schwedische Werkbundbewegung ist für den
Außenstehenden unübersichtlicher als die deutsche.
Schließlich liegt die Schwierigkeit der Einsicht aber
an einer Äußerlichkeit: dem Namen. Die unserm
Deutschen Werkbund entsprechende Organisation
in Schweden heißt: Svenska Slöjd Förenin-
gen. Daneben gibt es aber noch zwei Vereinigungen,
die dieser sowohl dem Namen nach als auch in der
Wirksamkeit ähnlich sind: Einmal die Förening
för Svensk Hemslöjd und dann der Sven-
ska Slöjdföreningarnas Riksförbund.

Alle führen in ihrem Titel das Wort ..slöjd-'. Ur-
sprünglich bezeichnete es lediglich Holzarbeit. Mit
der Zeit hat sich die Bedeutung des Wortes wesent-
lich erweitert, und man kann es heute je nach dem
Sinn mit Handarbeit. Heimarbeit. Hausindustrie.
Kunsthandwerk übersetzen, ja sogar mit Werkunter-
richt, da die Slöjdstunden des schwedischen Schul-
wesens unserm Werkunterricht entsprechen.

Ehe wir uns mit dem eigentlichen Schwedischen
Werkbund beschäftigen, sei zur Verdeutlichung der

Situation das Wesentliche der beiden anderen Orga-
nisationen skizziert. — Svenska Slöjdföreningarnas
Riksförbund kann man mit „Reichsverband der
schwedischen Vereinigungen für Heimarbeit" über-
setzen. Dieser Reichsverband hat seinen Hauptsitz
in Stockholm und bildet ein Zentralorgan der einzel-
nen Provinzialvereinigungen für Heimarbeit. Diese
sehen ihre Aufgabe in der Aufrechterhaltung und
Entwicklung der Heimarbeit auf ihrer traditionellen
Basis. Wo man diese nicht mehr kennt, wird in
Form des Unterrichts wieder die alte Tradition hand-
werklichen Könnens aufgenommen, sowie die Ver-
wendungsmöglichkeiten und die Art der Verarbeitung
heimischen Rohmaterials gezeigt. Nach außen hat
der Reichsverband vorwiegend eine kommerzielle
und repräsentative Aufgabe zu lösen, und hier er-
weist sich die Zentralisierung natürlich als beste
Form. Handelt es sich doch um den Absatz der Er-
zeugnisse, um Durchführung der Propaganda, Ver-
anstaltung von Ausstellungen und schließlich auch
um den Einkauf gewisser Materialien. Dagegen wird

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