Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

Page: 406
DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/form1930/0476
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
äußerste Raffinement einer Zeit, die über das
Gegenständliche hinausgewachsen ist, die heute da-
von abstrahieren kann, die nur für jemanden, der die
ganze Kultur der alten Zeit mitgemacht hat, der
müde ist und exotische Sensationen braucht, Be-
deutung haben mag, für diejenigen Menschen, für
die sie aber angeblich bestimmt ist, nichtssagend ist.

Die aufsteigende Klasse sucht etwas anderes. Es
wurde schon früher erwähnt, daß das 19. Jahrhun-
dert zunächst einmal die Symbole der Macht erobern
wollte. Und so ist es auch heute nicht modern, den
Menschen ästhetische Ideale darzubieten, mögen
sie auch noch so verkleidet sein. Sie wollen alles
ausnützen und für sich verwerten, was in ihrer Macht
steht. Der naive Mann hat seine europäische Tradi-
tion. Puritanische Gehässigkeit ist uns fremd, wir
brauchen unser Maß an Sentimentalität und die Ver-
edelung alten Kitsches zwingt zu neuem. Die Men-
schen verzichten auf nichts, was sie haben können
und kleine Differenzierungen sind das, was ihnen
Freude bereitet. Es ist unrichtig, daß unsere Zeit
nicht repräsentiert, sie repräsentiert anders. Der
Charakter der einzelnen Menschen ändert sich nicht,
aber Formen wechseln.

Wenn wir uns nun fragen, welchen Weg zur Einheit
unsere moderne Zeit gehen soll und welches ihr
einheitlicher Ausdruck ist, so kann ich keine Antwort

darauf geben. Es wäre auch höchst unmodern, hier
eine Antwort zu präzisieren und dort Regeln aufzu-
stellen, wo eben Regellosigkeit ein Ausdruck der
Zeit ist. Man käme wieder zu demselben System,
das uns einengt, dem System, das den Menschen
die Phantasie und Freude an allem, was geschaffen
wird, nimmt, das kunstgewerbliche Betrachtung mit
Ausschaltung vieler Tatsachen und Möglichkeiten bis
in die Unendlichkeit fortsetzen würde.

Denn das System als solches ist veraltet, wenn
auch die archaistisch Denkenden — hierzu gehören
auch die Radikal-Modernen — nicht davon abkom-
men können. Einheitlichkeit hat ihr Pathos und kann
ihres Erfolges immer sicher sein. Eine einheitlich
gestaltete Welt wird immer ihre modische Wirkung
ausüben: ob kürzer oder länger, hängt von vielen
Umständen ab. Vieles, was sie zeigt, wird auch
von der realen Welt übernommen und in ihrem Sinn
verwertet werden können.

Es hat deshalb wenig Zweck, die einzelnen
Systeme voneinander zu unterscheiden; sie sind
nicht das, wofür sie sich ausgeben. Mögen sie auf
irgendeiner abstrakten Voraussetzung irgendeiner
Art beruhen, die uns einengt und uns Freiheit nimmt:
sie. haben alle eines gemeinsam: sie gehören dem
Geist einer vergangenen Zeit an — modern sind
sie nicht.

DIE NEUE ZEIT

Schlußworte des Referats Mies van der Rohe auf der Wiener Tagung des Deutschen Werkbundes

Die neue Zeit ist eine Tatsache; sie existiert
ganz unabhängig davon, ob wir „ja" oder „nein'" zu
ihr sagen.

Aber sie ist weder besser noch schlechter als
irgendeine andere Zeit. Sie ist eine pure Gegeben-
heit und an sich wertindifferent. Deshalb werde ich
mich nicht lange bei dem Versuch aufhalten, die
neue Zeit deutlich zu machen, ihre Beziehungen
aufzuzeigen und die tragende Struktur bloßzulegen.

Auch die Frage der Mechanisierung, der Typisie-
rung und Normung wollen wir nicht überschätzen.

Und wir wollen die veränderten wirtschaftlichen
und sozialen Verhältnisse als eine Tatsache hin-
nehmen.

Alle diese Dinge gehen ihren schicksalhaften und
wertblinden Gang.

Entscheidend wird allein sein, wie wir uns in die-
sen Gegebenheiten zur Geltung bringen.

Hier erst beginnen die geistigen Probleme.

Nicht auf das „Was", sondern einzig und allein
auf das „Wie" kommt es an.

Daß wir Güter produzieren und mit welchen Mit-
teln wir fabrizieren, besagt geistig nichts.

Ob wir hoch oder flach bauen, mit Stahl und Glas
bauen, besagt nichts über den Wert dieses Bauens.

Ob in Städtebau Zentralisation oder Dezentrali-
sation angestrebt wird, ist eine praktische, aber
keine Wertfrage.

Aber gerade die Frage nach dem Wert ist ent-
scheidend.

Wir haben neue Werte zu setzen, letzte Zwecke
aufzuzeigen, um Maßstäbe zu gewinnen.

Denn Sinn und Recht jeder Zeit, also auch der
neuen, liegt einzig und allein darin, daß sie dem
Geist die Voraussetzung, die Existenzmöglichkeit
bietet.

406
loading ...