Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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Räumen niedrigere, dem Maßstab des Samm-
lungsgutes angepaßte Proportionen verliehen.
Die ständigen Ausstellungsräume nehmen beide
Obergeschosse ein; das Erdgeschoß enthält die
Direktion und Räume für wechselnde Ausstel-
lungen.

Die Gestaltung des Museums ging aus dem
einhelligen, bis in die kleinsten Einzelheiten sich
erstreckenden Zusammenwirken der wissen-
schaftlichen und ästhetisch-technischen Kräfte
hervor: aus der engen Zusammenarbeit des Lei-
ters der Sammlung, Geheimrat Professor Dr.
Scherman und des künstlerischen Gestalters,
Professor Segmiller, Pforzheim, eines gebore-
nen Münchners. Der Umbau wurde vom Land-
bauamt München (Bauamtmann Badberger)
durchgeführt.

Es muß besonders bemerkt werden, daß bei
der Neugestaltung der Sammlung die verschie-
denen Münchner Museumsleiter (Generaldirektor
Dörnhöffer von den Pinakotheken. Geheimrat
Professor Dr. Halm vom Nationalmuseum. Pro-
fessor Dr. Rapp vom Theatermuseum, Dr. Stöck-
lein vom Armeemuseum) das Völkerkundemuse-

um in Einzelausgestaltungen und durch Hergabe
von Gegenständen in einer Weise unterstützten,
die vorbildlich ist.

Das Museum für Völkerkunde in München
stellt in mancher Hinsicht eine Sondererschei-
nung dar. Bei verhältnismäßig geringem Umfang
enthält es wertvollste alte und neue Samm-
lungen, dazu ausgesuchte Einzelstücke, und ver-
einigt so in sich Gebiete, die anderswo auf ein
halbes Dutzend Museen auseinanderfallen mö-
gen. Schließlich trägt es insofern eine beson-
dere bodenständige süddeutsche Note, als es
unmittelbar sinnliche Anschauung über abstrakte
Systematik setzt.

Die fotografischen Aufnahmen, die im Einver-
nehmen zwischen Museumsleiter und Verfasser
eigens für „Die Form" hergestellt wurden, wol-
len nur einzelnes anschlagen, was in irgendeiner
Richtung für die Art der Ausstellung bezeich-
nend ist. Sie wollen weder besondere Gegen-
stände ncch einzelne Räume zur Darstellung
bringen, noch den Gesamtzusammenhang des
Museums, der nur durch den Besuch erfahren
werden kann.

WAS IST MODERN?

Vortrag von Professor Josef Frank, gehalten am 25. Juni 1930 auf der Öffentlichen Kundgebung der Tagung des Deutschen
Werkbundes in Wien

Wir veröffentlichen den Vortrag von Professor Frank und weisen darauf hin, daß eine Erörterung dieses ganzen Fragenkomplexes auf der
außerordentlichen Mitgliederversammlung in der zweiten Hälfte des Oktobers in Stuttgart stattfinden wird. Es ergibt sich immer mehr
für den Werkbund die Notwendigkeit, zu der Vielgestaltigkeit der Erscheinungen und Fragen des modernen Lebens erneut Stellung zu
nehmen und eine Auswahl und Wertung vorzunehmen

Sehr geehrte Damen und Herren, wir wollen heute
über eine Frage sprechen, die uns schon lange Zeit
sehr beschäftigt. Wir haben im Laufe der letzten
Zeit — seit etwa vierzig Jahren — ununterbrochen
gehört und gelesen, was modern ist und was un-
modern ist, was man machen darf und was man nicht
machen darf, was im Sinn unserer Zeit gelegen ist
und was gegen unsere Zeit gerichtet ist und ähn-
liches mehr. Alle diese Begriffe haben im Laufe die-
ser vierzig Jahre ihren Sinn wiederholt gewechselt.
Es gibt eine Menge Dinge, die viele von uns einmal
als vorbildlich vertreten haben und die wir heute als
abschreckende Beispiele hinstellen. Derartiges ist
ja nicht neu. Wir wissen aus der Geschichte, daß
jede Periode die Resultate der ihr vorhergegange-
nen mißachtet und verworfen hat. Der große Irrtum
unserer Zeit beruht nun darauf, daß viele von uns,
obwohl sie das Bewußtsein haben, in einer neuen
Zeit zu leben, meinen, diese neue Zeit analog den
früheren Zeitaltern, so wie wir sie aus der Ge-
schichte zu kennen glauben, konstruieren zu können.
Sie denken archaistisch.

Nun ist das wesentlichste Merkmal unserer Zeit
nicht das technische Können, denn technisches
Können hat jede Zeit gehabt. Aber unsere Zeit hat
außerdem das historische Wissen; das unterschei-
det uns wesentlich von den früheren Zeiten. Es wird
dies von vielen als unnötig oder gar als Übel an-
gesehen: aber es liegt einmal im Sinn unserer Be-
strebungen, alles das, was wir haben können, voll-
ständig auszunutzen, rückhaltlos jede Erkenntnis,
die wir haben, zu verwenden und nichts unbe-
achtet zu lassen. Deshalb ist auch jeder Kampf
gegen das historische Wissen unnötig und aus-
sichtslos.

Die Menschen unserer Zeit stehen mit der Ver-
gangenheit in viel engerer Beziehung als die früherer
Zeiten. Diese, die von dem, was vor ihnen einmal
vorhanden war. nichts gewußt haben, hatten es
leicht gehabt ..modern" zu sein; es blieb ihnen gar
nichts anderes übrig.

Es gehört heute zum guten Ton, über das 19. Jahr-
hundert in der abfälligsten Weise zu sprechen: wir
sehen verständnislose S'tiilnachahmungen, die für

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