Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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VORSCHLAG ZUR CITY-BEBAU U NG

LUDWIG H 1 LB ER S El M ER

Eines der wichtigsten und aktuellsten Probleme
des heutigen Städtebaus ist die Umorganisierung
und der Umbau der City. Heute stellt sie eine Misch-
form von Wohnstadt und Geschäftsstadt dar, mit
dem Resultat, daß sie weder als Wohnstadt noch als
Geschäftsstadt zweckmäßig ist. Es müssen daher
alle Wohnungen aus der City entfernt werden, damit
sie systematisch für ihren Zweck umgebaut werden
kann. Wie die City selbst stellt auch ihre Bebauung
eine Mischung von Wohn- und Geschäftshäusern
dar. Das heutige Geschäftshaus ist aus dem Miets-
haus hervorgegangen, aus dem von Etage zu Etage
die Zwischenwände entfernt und größere Fenster
ausgebrochen wurden. Reichte ein Haus nicht mehr
aus, wurde ein zweites und drittes hinzugefügt, bis
eines Tages die Unübersichtlichkeit dieses Zufalls-
produkts im Interesse einer rationellen Betriebs-
führung zur Errichtung eines neuen Gebäudes
zwang. Aber auch dieses neu erbaute Haus reichte
bei der fortschreitenden Entwicklung und Vergröße-
rung des Betriebes, besonders bei Warenhäusern,
bald nicht mehr aus und machte daher weitere Neu-
bauten erforderlich, die, so gut sie auch dem alten
Gebäude angefügt wurden, im Grunde genommen
auf verbesserter Grundlage dieselben Nachteile
hatten wie die ursprünglich aneinandergefügten und
für Geschäftszwecke ausgebauten Mietshäuser.

Ein Beispiel, wie ein großes Warenhaus aus ein-
zelnen Teilen nacheinander zusammengefügt wurde,
ist das Warenhaus Wertheim in Berlin, am Leipziger
Platz, das heute fast einen ganzen Straßenblock

von sehr erheblichen Ausmaßen umfaßt. Als man
vor mehr als dreißig Jahren den ersten Bauteil
plante und ausführte, konnte noch niemand ahnen,
daß der Raumbedarf des Hauses Wertheim einst-
mals den Umfang, den es heute hat, annehmen
würde.

Eine weitere Phase dieser Entwicklung stellt das
Warenhaus Tietz am Alexanderplatz in Berlin dar.
Hier ist ein ungefähr gleich großer Gebäudekomplex
wie das Warenhaus Wertheim nicht stückweise
durch Vergrößerung, nacheinander, sondern plan-
mäßig auf einmal entstanden. Dabei konnten natür-
lich alle die Vorteile, die eine übersichtliche Planung
ermöglicht, für den Betrieb nutzbar gemacht wer-
den. Nicht nur das Warenhaus, auch das Bürohaus
hat diese Entwicklungsphase durchlaufen. So be-
steht der dem Scherischen Zeitungskonzern in
Berlin gehörige Gebäudekomplex heute noch aus
vielen einzelnen ehemaligen Mietshäusern, die unter-
einander verbunden ein phantastisches Durchein-
ander von Räumen und Gängen in verschiedenen
Höhenlagen darstellen. Infolge der damit verknüpf-
ten Schwierigkeiten hat auch der Scherische Kon-
zern bereits mit einem Neubau begonnen. Für große
Konzerne ist es verhältnismäßig einfach, ihre Raum-
bedürfnisse durch Neubauten zu befriedigen. Anders
ist es hingegen für kleinere Geschäfte, die gezwun-
gen sind, sich in irgendeinem Bürohaus einzumieten,
dessen Räume oft sehr unzweckmäßig sind. Soll ein
solches Bürohaus seinen Zweck erfüllen, so muß es
dem einzelnen Mieter, abgesehen von den unmittel-

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