Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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TECHNIK UND LANDSCHAFT

Aus der Theorie, die die Astronomen einmal über die Erscheinung der Mars-Kanäle gegeben haben, pflegte man die
Folgerung zu ziehen, daß auch unsere Erde allmählich einmal aus dem Stadium der natürlichen Landschaft in das der
technisch gestalteten Ubergeführt wird. Die Zeit, in der die Technifizierung der Erdoberfläche so gewaltige Ausmaße an-
genommen haben wird, daß sie von den Sternen her zu erkennen ist, liegt wohl noch sehr weit. Jedoch erleben wir künst-
liche Veränderungen der Landschaft nicht erst seit der Zeit, die wir als das technische Zeitalter ansprechen. Die künstliche
Gestaltung der Landschaft hat eine uralte Geschichte. Aber was früher eine Masse von Menschenkräften in harter Fron-
arbeit bewältigen mußte, das geht heute rascher vor sich und kann in größerem Maßstabe in Angriff genommen werden.
Welche gewaltigen Ausmaße dies heute annimmt, zeigen der Aufsatz und die Bilder Uber die Trockenlegung der Zuidersee.

Die künstliche Umgestaltung der Landschaft, wie die Errichtung von Dämmen und der Bau von Kanälen, wird selten
Widerstand bei denen finden, die sich für die Erhaltung des natürlichen Landschaftsbildes einsetzen, vor allem deshalb,
weil Nutzen und Notwendigkeit ein so gewaltiger Faktor sind, daß alle sonstigen Erwägungen zurücktreten. Anders wird
es, wenn durch technische Bauten das Landschaftsbild einen neuen Charakter bekommt, dann wird oft von der Verschande-
lung der Landschaft gesprochen. Aber je weniger formale Einordnung in das Landschaftsbild bewußt erstrebt wird, je
wesensgerechter der technische Bau dagegen ist, desto schöner steht er auch im Landschaftsbild.

ZU DEN BAUTEN DER NECKARKANALISATION

PAUL B O NATZ

Die zwei Ziele der Neckarkanalisation sind
Kraftgewinnung und Schiffahrt, daneben die
Beseitigung der Hochwassergefahr für Ortschaf-
ten und Fluren. Die Kämpfe um die Berechtigung
der Kanalisierung sind bekannt. Die Erkenntnis
ihrer Notwendigkeit hat sich durchgesetzt.

Die Ausnutzung der größeren Wasserkräfte ist
schon im Hinblick auf die in wenigen hundert
Jahren eintretende Erschöpfung der deutschen
Kohlenvorräte geboten. Die elektrische Energie
der schon ausgeführten Neckarkraftwerke wird
in günstigen Verträgen von elektrowirtschaft-

lichen Großunternehmungen abgenommen. Zum
Teil wird sie der hochgespannten Sammel-
schiene der Rheinisch-Westfälischen Elektrizi-
tätswerke zugeführt, zum Teil an die anliegenden
Städte abgegeben.

Die Schiffahrt wird im ersten Ausbaustadium
Heilbronn erreichen, im zweiten Teil des Ausbaus
das große Industriebecken um Stuttgart herum.

Die Pläne aller Anlagen sind entworfen von
der Neckarbaudirektion in Stuttgart unter dem
tatkräftigen Strombaudirektor Konz. Die Mit-
arbeit an diesen Werken ist für den Architekten

Neckarschleuse bei Mannheim. Entwurf, Projet Designer: Neckarbaudirektion, Stuttgart
Mitarbeiter als Architekt: Paul Bonatz

Ecluse du Neckar ä Mannheim / Lock in the Neckar river, Mannheim

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