Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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nische. Im kleinen Zwischenflur mit eingebauten
Schränken sind Waschbecken mit fließendem
warmen und kalten Wasser. Hinzu kommt ein Ab-
stellraum für Koffer und Möbelstücke, von denen
man sich nicht trennen wollte. Jeder Insasse hat
in seinen Räumen die eigenen Möbel, dafür ent-
sprechen die Gemeinschaftsräume dem Stil der
Bauart. Dem etwaigen Einwand, daß zuviel
Glas beim Bauen verwandt worden sei, kann man
nur entgegenhalten, daß für das Leben der Alten
ebensoviel Sonne notwendig ist wie für das
Kleinkind.

Es erhebt sich natürlich die Frage, ob es
zweckmäßig ist, ein Altersheim aufs Land oder
in die Stadt zu verlegen. Bei geringen Mitteln
wird natürlich das Land zu wählen sein. Sonst
würde unseres Erachtens alles für den Bau
innerhalb der Stadt sprechen: der Kontakt mit

der Stadt bleibt erhalten, Möglichkeit des Ver-
wandtschaftsbesuches, Gefühl, nicht völlig
außerhalb des Lebens zu stehen, Möglichkeit,
an kulturellen Bestrebungen teilzunehmen.

Wir haben eingangs betont, daß es sich bei
dem Budgeheim um eine Versorgung des Mittel-
standes handelt. Gleiche Forderungen erheben
sich für die Alten aus proletarischen Kreisen.
Gegenüber der Massenaufgabe, die hier zu lösen
bleibt, müssen private Wohlfahrtseinrichtungen
versagen. Es bleibt Aufgabe der Kommune, für
die zu sorgen, denen als Minimum 25 Mark, als
Maximum 100 Mark (Wohlfahrtsunterstützung,
Invalidenrente) im Monat zur Verfügung stehen.
Es bleibt zu fordern, daß auch dort eine Lösung
gefunden wird, die sich die Errungenschaften
moderner Architektur und Hygiene gleicher-
maßen nutzbar macht.

RUNDSCHAU

FARBE UND LANDSCHAFT

Immer wieder machen sich Stimmen geltend, die
eine stärkere, farbige Belebung der Außenarchitek-
tur verlangen. Die moderne Architektur dagegen be-
vorzugt besonders im Putz immer mehr das reine
Weiß, soweit sie nicht naturfarbenes Material ver-
wendet. Die Experimente, mit ganz starken, unge-
brochenen Farben die verschiedenen Hausseiten
verschiedenfarbig zu halten, sind ebenso wie die
Versuche, ganz fein abgetönte, helle Farben zu ver-
wenden, ohne eindrucksvolle Folgen geblieben. Auf
der Stuttgarter Weißanhof-Siedlung steht das sig-
nalfarbige Haus von Bruno Taut und nicht weit da-
von das in hellen Tönen gehaltene Haus von Cor-
busier in einer Umgebung von fast nur weißen Häu-
sern. In dieser Zeitschrift hat kürzlich (Heft 5 1930)
I- E. Hammann versucht, die Berechtigung und den
tieferen Grund der Anwendung der reinen weißen
Farbe darzulegen. Wo wir nicht das reine Weiß
finden, begegnen wir braunen und graublauen Tönen
ohne ausgesprochenen Farbcharakter. Es sind Ver-
legenheitsfarben, im besten Fall ist dabei daran ge-
dacht, daß diese Töne auf die Dauer hin die Be-
schmutzung nicht so sehr zeigen. Die Forderung der
größeren Farbigkeit in der modernen Architektur hat
keinen rechten Widerhall gefunden, und so ehrlich
und wohlbegründet diese Forderungen auch waren,
der Architekt weiß nichts damit anzufangen.

Dagegen begegnen wir, besonders in kleineren
Städten und bei den verschiedenen Versuchen,
historische Stadtteile zu konservieren und zu reno-
vieren, einer ausgesprochenen Vorliebe für starke
farbige Werte. Verschiedentlich ist der Versuch ge-
macht worden, einzelne Plätze und Straßenzüge
nach einem einheitlichen künstlerischen Plan in
Farbe zu setzen. Meistens sehen diese Versuche so
aus, als ob man einen alten Stich in modernem

Farbengeschmack überlasiert hätte. Vielleicht ist
es richtig, daß man selten versucht hat, die in frühe-
ren Zeiten vorhandene farbige Bemalung historisch
genau aufzufrischen, sondern mit den alten Bautei-
len sozusagen eine moderne, unserem heutigen Ge-
schmack entsprechende farbige Komposition ge-
schaffen hat. Die Farbe im Hausanstrich ist ja
etwas Vergängliches und zum mindesten etwas, was
sich tonlich schneller und stärker verändert als Ge-
mälde und was eher zugrunde geht als die Bauten
selbst. Aber man soll und muß sich darüber klar
sein, daß diese farbige Bemalung mit den Bauten
gar nichts zu tun hat und nur mit dem Gefühl einer
Zeit für Straßen- und Städtebilder zusammenhängt.
Es ist gewissermaßen die farbige Brille, die die Art
kennzeichnet, wie die Menschen einer Zeit alte
Stadtbilder gern sehen möchten. So kann man
sicher sagen, daß im Mittelalter die Menschen für
das Bild einer Straße als Ganzes viel weniger Ge-
fühl hatten als für farbige und formale Details, wäh-
rend der moderne Mensch viel mehr auf das land-
schaftliche Straßenbild eingestellt ist. Daher die
im Mittelalter übliche vielfarbige Behandlung des
einzelnen Hauses und das Verlangen der modernen
Farbgeber der Altstädte, ganze Straßenzüge in ein-
heitlichem Farbrhythmus zu halten.

Diese beiden Tatsachen, die Weißfreudigkeit der
modernen Architektur und die von außen herangetra-
gene Bemalung der Altstädte, beweisen aufs deut-
lichste, daß es uns ganz einfach an einem Sinn für
die farbige Gestaltung der Architektur fehlt. Wir
sehen in der Farbe nur eine Dekoration, aber keine
künstlerische oder praktische Notwendigkeit. Wäh-
rend wir heute formale Zutaten, die aus rein ge-
schmacklichen Erwägungen hinzugetan werden,
grundsätzlich ablehnen, betrachten wir die Farbe als

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