Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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Reichsheimstätten-Siedlung Düsseldorf-Gerresheim

Architekt H. de Fries

PROBLEMATIK DES STÄDTEBAUES

H. DE FRIES

Die Fotografie am Kopf dieser Ausführungen zeigt
den Mittelteil der fast fertiggestellten Reichsheim-
stätten-Siedlung Düsseldorf-Gerresheim. Vielleicht
wird die Teilaufnahme interessanter durch den Hin-
weis, daß die Fenster der vorderen Baureihe ziem-
lich genau nach Süden gerichtet sind, daß also
ihre nicht sichtbare, rückwärtige Zugangsseite nach
Norden gelegen ist, kurz, daß die einzige Haupt-
straße dieser Einfamilienhaussiedlung von Osten
nach Westen führt, durchaus entgegen den
gegenwärtig üblichen Grundanschauungen über
Städtebau, die einen ebenso fatalen wie irrigen Nie-
derschlag in den Leitsätzen jener Jury gefunden
haben, die im Frühjahr 1929 den Wettbewerb der
Reichsforschungs-Gesellschaft in nicht gerade über-
zeugender Weise entschied.

Wenn bei Beurteilung der Dammerstock-Siedlung
Adolf Behne in Heft 6/1930 der „Form" zu einer un-
erwartet eindringlichen und recht gründlich belegten
Kritik dieser Siedlungs-Anlage kommt, so muß ich
dem zustimmen. Der beigefügte Lagsplan der
Reichsheimstätten Düsseldorf-Gerresheim ist das
Ergebnis eines engeren Wettbewerbes, ebenso wie
die weiterhin abgebildeten Typen A, B und C. Die
Siedlung Dammerstock kannte ich zunächst nur aus
Planskizzen, in der Wirklichkeit habe ich sie erst
Anfang Oktober 1929 gesehen zusammen mit eini-
gen anderen Architekten, und ich war über diese Art,
modernen Städtebau zu betreiben, nicht weniger er-
schüttert, wie es Adolf Behne offenbar trotz aller
Zurückhaltung im Ausdruck gleichfalls ist. Mit dieser
Feststellung möchte ich meinerseits keineswegs die
Bedeutung des Experimentes als solches in Frage
stellen. Im Gegenteil: Wir brauchen nichts mehr als
das, aber wir brauchen es eben in der experimen-
tellen Begrenzung und nicht als eine ausgedehnte
Siedlungs-Anlage, in der ich nirgends das Gefühl
einer Depression loswurde, obwohl nur am Sied-
lungsrande Hochbauten errichtet waren, sonst über-

all Einfamilienhäuser mit zwischengelagerten Gärten
zu finden waren. Wie mir ging es vielen anderen
Laien und Fachleuten, und ich möchte glauben, daß
dieser Eindruck in der Hauptsache hervorgerufen
wurde durch diese endlos durchschießenden niedri-
gen Zeilen, die knapp 6 m Bauhöhe besitzen und,
wenn ich mich recht erinnere, bis zu 330 m Zeilen-
länge in derselben Flucht durchlaufen. Dieselbe
Flucht, das ist dieserfatale Strich aus
der Reißschiene heraus am Zeichen-
tisch! Eine geringe Überlegung würde genügen,
zu sagen, daß ein Frontflächenverhältnis von 330 m
zu 6 m Höhe einem Verhältnis von 55 : 1 entspricht.
Wer sich einmal ein solches Rechteck hinskizziert,
wird sogleich bemerken, daß es sich hier um eine
Möglichkeit handelt, die nicht nur ästhetisch depri-
miert. Es ist kein Raum gebildet, keine Folge von
Räumen aufgebaut worden. Der große Abstand zwi-
schen den Zeilenbauten wirkt sehr günstig, aber er
drückt weiterhin die geringe Fronthöhe hinunter, so
daß sie eben zusammen mit den übergroßen Längen
fatal wirkt: und das wäre doch eigentlich so leicht
zu vermeiden.

Senkrecht zu diesen großen Fluchten stoßen zwar
einige Querstraßen durch, aber hier hat man fast
ausnahmslos wie durch einen Kuchen hindurchge-
schnitten und die sich ergebende freie Frontfläche
glatt verputzt stehenlassen. In der Hälfte aller Fälle
sind es Südfronten, d. h. reine Sonnenfronten denk-
bar bester Lage. Zur anderen Hälfte handelt es sich
zwar um Nordfronten, doch ist hier eine günstige
Gelegenheit gegeben, noch einmal von der freien
dritten Seite aus Licht und Luft in den Körper des
jeweiligen Endbaues hineinzubringen, also den Kopf
aus seinen eigenen Bedingungen heraus in jedem
Falle anders zu lösen wie die übrige Zeile. Eine
Versetzung der Flucht in der Zeile selbst hätte sehr
gut getan und auch nicht den Eindruck der Zusam-
mengehörigkeit der einzelnen Typen und Reihen

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