Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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Welt voll Ruß und Lärm zu setzen. Es will für sei-
nen Nachwuchs, der an Zahl abnimmt, Licht und
Luft und alle Bedingungen gesunden Wachstums.
Und dieser Wille ist eine wirtschaftliche Existenznot-
wendigkeit: unsere Kinder müssen einst Qualitäts-
arbeiter von Rang werden, wenn sie leben wollen.

Daß die moderne Großstadt an einem Punkt ihrer
Entwicklung angelangt ist, an dem eine entschei-
dende Wendung gemacht werden muß, das weiß man
in Paris oder etwa in Lille so gut wie in Berlin oder
Breslau. Man weiß es — aber man fühlt es dort
kaum so lebhaft, wie es in Deutschland auch der
einfache Mann fühlt, einfach deshalb, weil in Frank-
reich die ländliche Bevölkerung im Verhältnis zur
städtischen noch viel stärker ist als in Deutschland.

Wie es in Deutschland ist, kann jeder sehen, der
mit dem Zug in eine der deutschen Großstädte ein-
fährt. Fast an jeder Bahnstrecke sieht er, weit vor
den Vorstädten draußen und sich fortsetzend bis an
die Stadt heran, eingeschoben in jede Lücke zwi-
schen Fabriken und Mietskasernen, die weiten
Flächen der Laubengelände. Blumen (der Deutsche
ist ein Blumennarr), Gemüse, Hühner, Kaninchen, auf-
gehängte Wäsche, dazwischen all die kleinen Häus-
chen, Buden, Baracken, aus Holz, aus Kistenbret-
tern, aus Wellblech, viele mit roten oder schwarzrot-
goldenen Fahnen. Gewiß kein Ideal, aber in der
enormen Ausdehnung ein lautes, nicht zu überhören-
des Zeugnis für die Sehnsucht der Industriearbeiter-
massen. Sie wollen nicht etwa zurück aufs Land;
aber sie wollen die Arbeit in der Industrie und die
Freuden und Bildungsmöglichkeiten der Stadt ver-

binden mit den gesunden Lebensfaktoren, die in
einem kleinen Stückchen Erde, unter Sonne und
freiem Himmel, ruhen.

Aber in der Zivilisation hat die Erde überall Gren-
zen. Und darum ist das Problem der deutschen
Siedlungs- und Baupolitik noch in anderem Sinne ein
dynamisches Problem, als es oben gezeigt wurde.
Nicht nur die Dynamik der wirtschaftlichen Verschie-
bungen wirkt mit, sondern auch die politische Dyna-
mik. Eine Grenze auf der Erdoberfläche ist immer
eine politische Tatsache, ob es nun die Grenze eines
Landes, einer Stadt oder einer Bauparzelle ist.

Deshalb stößt die Raumwirtschaft bei Verfolgung
ihrer Aufgaben immer und überall auf Probleme und
Hindernisse der Staats- und Verwaltungspolitik. Kein
Eigentum wird so zäh und erbittert verteidigt wie
das Eigentum an Grund und Boden. Die Raumwirt-
schaft, die das deutsche Volk treiben muß und zu
treiben versucht, gerät naturgemäß ständig in Kon-
flikt mit dem Privateigentum an Grund und Boden,
das den einzelnen Gliedern dieses Volkes zusteht.
Dazu kommen die Konflikte zwischen den unteren
Verwaltungsbehörden, also besonders zwischen
Stadtverwaltungen, Landgemeinden und Landkrei-
sen; in der ganzen Welt kennt man ja den natür-
lichen Partikularismus der Ressorts......

So mündet schließlich das Problem der Menschen-
und Raumwirtschaft in Deutschland ein in die große
Auseinandersetzung über ein neues Gleichgewicht
zwischen Gesamtinteresse und Privatinteresse, die
vielleicht überhaupt das Signum unserer weltge-
schichtlichen Epoche ist.

BUCHBESPRECHUNG

Wilhelm von Bode: „Mein Leben", 1. Band.
Umfang 205 Seiten und 16 Tafeln auf Kunstdruck-
papier. In Halbleder gebunden Preis 10 RM. Verlag
Hermann Reckendorf G. m. b. H., Berlin SW 48.

Der erste Band von Bodes Lebenserinnerungen,
der soeben im Verlag Reckendorf erschienen ist,
berichtet über Jugend, Bildungsweg und das erste
Jahrzehnt der amtlichen Tätigkeit an den Berliner
Museen. Mit Liebe und nicht ohne berechtigten Fa-
milienstolz gedenkt der Verfasser der Eindrücke
seiner Kindheit, und es tauchen in den Seiten, die
von den Lehr- und Wanderjahren handeln, ein paar
Namen, vor allem der des Freiherrn von Liphart
auf, die mit Verehrung genannt werden. Bode hat in
späterer Zeit keine allzu gute Meinung von den
Menschen gehabt. Ihm ging es in seinem ganzen
Leben nur um die Sache, der er diente, um seine
Museen, und wo er Widerstand gegen seine Pläne
fand, da konnte er sehr gründlich hassen. Graf
Usedom, der kurz vor Bodes Anstellung als Assi-
stent zunächst der plastischen Abteilung zum Gene-
raldirektor der Museen ernannt worden war, muß
sich manchen harten Vorwurf gefallen lassen, und
Julius Meyer, der als Direktor der Gemäldegalerie
Bodes eigentlicher Vorgesetzter war, wird um seiner
Unentschlossenheit willen nicht minder scharf ge-
tadelt. So werden Bodes Lebenserinnerungen zu
einer Anklageschrift. Sie berichten in diesem ersten
Teile weniger von Erfolgen als von verpaßten Ge-
legenheiten. Immer wieder scheiterten Ankaufspläne
Bodes an bürokratischen Widerständen und an der

Zaudertaktik seiner Vorgesetzten. Es ist ein
Jammer, zu hören, wie viele großartige Gelegen-
heiten in jenen Jahren aus nichtigen Gründen ver-
säumt wurden. Mittel standen zur Verfügung. Aber
es schien den maßgebenden Instanzen wichtiger,
die Gipsabgüsse der antiken Rossebändiger vom
Quirinal zu beschaffen, als eine heut hochberühmte
Handzeichnungssammlung zu erwerben, die um den
gleichen Preis zu haben war. Eine Kopiensammlung
und ein Gipsmuseum waren die idealen Ziele der
Kunstverwaltung zu einer Zeit, als Meisterwerke aller
Epochen nach um heut märchenhaft gering schei-
nende Summen angeboten waren. Gegen solche
Sinnesart anzukämpfen und seine eigenen Pläne
bald offenen, bald geheimen Widerständen zum
Trotz endlich zu verwirklichen, war Bodes Aufgabe,
und es ist sein unvergängliches Verdienst, daß er
die Möglichkeiten seiner Zeit erkannte, daß er schon
als junger Assistent den Ankauf hervorragender
Kunstwerke durchsetzte, und daß er darüber hinaus
in den Jahren freier Entfaltung seiner Kräfte den
Museen der Reichshauptstadt Weltgeltung ver-
schaffte. Berichtet der erste Band von Bodes
Lebenserinnerungen von dem traurigen Scheitern
mancher schönen Pläne, so darf man hoffen, in dem
zweiten Bande von um so glücklicherem Gelingen
zu hören und die Geschichte des großartigen Auf-
stiegs der Berliner Museen zu lesen, die mit dem
Namen Bodes für immer verbunden bleiben wird.

Glaser

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