Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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verstanden ist oder nicht. Mit diesen zwei Aus-
nahmen sind die besten modernen Entwürfe, wie
die von Djo Bourgeois, immer für eine Handvoll aus-
erwählter Menschen geschaffen worden, die sich be-
wußt der modernen Welt angepaßt haben, und die in
ihrem persönlichen Leben versuchen, die letzten
Reste einer verderbten Kultur zu vertilgen, einer
Kultur, die sich auf unbändiger Bewunderung des
Eigentums, der finanziellen Lage des einzelnen und
der Sachen, die für Geld zu haben sind, aufbaut.

Unsere moderne industrielle Ästhetik aber braucht,
um erfolgreich zu sein, eine ethische Beziehung zum
Leben und eine dazu passende Veränderung der vie-
len ehrwürdigen Sitten und Gebräuche. Wir können
diese neuen Formen nur dann voll genießen, wenn
wir nicht mehr von ihnen verlangen, daß sie abseits
liegende Interessen befriedigen: den Drang zur Re-
präsentation, den Drang, über seine Mitmenschen
herrschen zu wollen, den Drang, Ehrerbietung zu ver-
langen, und zwar Ehrerbietung nicht für das, was
man ist, sondern für das, was man hat. Dadurch,
daß diese innerliche Umkehr noch fehlt, ist ein guter
Teil der modernen industriellen Kunst nur dem
Namen nach Kunst zu nennen, und tatsächlich haben
ihre exzentrischen Formen keine direkten Vorbilder
in der Kunst des Barocks oder der des Mittelalters.
„Modernistische" Kunst, obgleich sie, oberflächlich
gesehen, ihre Anregungen aus der maschinellen

Form beziehen und an dem abstrakten geometri-
schen Muster hängen mag, befriedigt keine der wirk-
lichen Bedingungen der guten maschinellen Form:
sie ist eine Luxuskunst, und die Tatsache, daß sie
maschinell hergestellt werden kann, ist nur ein un-
wichtiger Zufall.

Wenn wir nicht den Snobismus und das Pochen auf
Klassenunterschiede ausmerzen können, dann sollten
wir irgendeinen Ausweg dafür finden, der weniger
abstoßend wirkt als das, was man heute in der Ge-
werbekunst hat. Vielleicht stehen wir auf der
Schwelle eines neuen Zeitalters, und wenn wir nicht
die Maschine verstehen und sie gebrauchen lernen,
damit sie uns hilft als Schöpferin geeigneter Lebens-
formen und Lebensnormen, dann wird sie uns zu-
rückwerfen. Eine Standardisierung auf hohem Niveau
würde uns die Freiheit schenken und damit neue kul-
turelle Ausdrucksmöglichkeiten. Eine Standardisie-
rung auf niederem Niveau, mit all dem Luxus und
sinnlichen Aufwand als Ziel, würde uns eine Kultur
bescheren, die auf einer niedrigeren Stufe stünde
als die Karthagos, denn es würde die großen, ver-
sklavten Massen mit allen Schlechtigkeiten ihrer
Herren versehen. Moderne industrielle Kunst stellt
uns vor zwei Möglichkeiten. Der Weg verzweigt
sich: wir werden wählen müssen.

Übersetzt von Ethel Talbot Scheffauer

EXTRA IT DE TRADITION:

LA CULTURE DU CITOYEN ET LA MACHINE

Notre esthetique industrielle moderne a besoin,
pour etre couronnee de succes, d'une relation avec
la vie ethique et avec cela d'une modification en
rapport avec toutes les mceurs en usage.

Nous ne pouvont jouir completement de ces for-
mes nouvelles, que si nous ne reclamons d'elles que
ce qui peut satisfaire des interets secondaires: le
goüt de la representation, la volonte de dominer les
autres hommes, l'attrait des honneurs, non pour ce
que l'on est, mais pour ce que l'on a. II resulte de
ce renversement interieur des conceptions qu'une

bonne partie des arts industriels modernes, n'ont
de l'art que le nom, tandis qu'en realite, leurs formes
excentriques, n'ont aucune conception de l'art du
baroque ou de celui du moyen-äge. « L'Art mo-
derne », quoique vu superficiellement, tire ses im-
pulsions des formes machinales et se rend depen-
dant des modeles geometriques abstraits; il ne
peut donc satisfaire aux exigences reelles d'une
bonne forme machinale. C'est un art de luxe et, en
realite, s'il se trouve etre machinalement etabli, il
n'y faut voir qu'un hasard sans importance.

MENSCHENWIRTSCHAFT UND RAUMWIRTSCHAFT IN DEUTSCHLAND

ALEXANDER SCHWAB

Im Südosten Europas — verzichten wir auf eine
nähere Bestimmung dieses vagen Begriffs — kommt
es noch vor, daß eine achtköpfige Bauernfamilie
mit Klein- und Federvieh zusammen unter einem
Dach, ja fast in einem Raum lebt. Dem englischen
Industriearbeiter ist es selbstverständlich, daß er
sein eigenes Häuschen hat. In den deutschen Woh-
nungsgesetzen seit dem Kriege gilt als Grundsatz,
daß für jeden Erwachsenen ein Zimmer, und dazu
noch ein gemeinsames für die Familie, zur Wohnung
gehören sollte. (Die Wirklichkeit freilich ist noch
weit hinter diesem gesetzgeberischen Wunschtraum
zurück.)

Müßten wir uns wundern, wenn eines Tages
irgendeine Stimme jenseits der deutschen Grenzen
sich erheben würde, um uns vorzuwerfen, wir seien
zu anspruchsvoll? Wir sollten uns keineswegs; hat
man nicht ähnliches schon sogar innerhalb der deut-

schen Grenzen gehört? Aber freilich sollten wir uns
mit sanfter Entschiedenheit wehren, und es mag
vielleicht zur klareren Erkenntnis unserer Situation
beitragen, wenn solchem hypothetischen Vorwurf
■schon immer fürsorglich begegnet wird.

Nein, wir sind in unseren Wohnbedürfnissen kei-
neswegs zu anspruchsvoll, und in unserer Baupolitik,
die der Befriedigung des berechtigten Wohnungsbe-
darfs dienen soll, sogar eher zu anspruchslos. Es
ist nämlich folgendes zu bedenken: Deutschland ist
ein industrielles Land. Deutschland ist ein rohstoff-
armes Land. Deutschland ist ein Land der Städte.

Aus diesen Dingen — und aus unserem Klima, über
das wohl nichts weiter gesagt zu werden braucht —
resultieren Art und Gewicht unserer Ansprüche an
die Wohnung.

Denn, weil wir zu wenig eigene Rohstoffe und
Nahrungsmittel haben, und außerdem, weil wir ein

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