Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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schämt auch im letzten religiösen Sinn fast alles,
was an kultischem Gerät hier vereinigt ist. Wohl
sind Ansätze da, auch in der Gestaltung der kul-
tischen Geräte, und wir wollen denen dankbar
sein, die hier Wege gebahnt haben. Aber fast
ausnahmslos werden diese Ansätze durchkreuzt
von dem alten falschen Verständnis von Kultus
als einem Sondergebiet neben der Breite, dem

Alltag und der Wirklichkeit des Lebens. Fast
immer wird der Kultus der Gegenwart entrückt
und dadurch seines letzten Ernstes beraubt. Wir
danken es dem Kunst-Dienst, daß er den Kampf
aufgenommen hat um eine neue, gegenwärtige,
wirkliche und dadurch zeugniskräftige Kunst-
form. Und im Zeichen dieses Kampfes eröffnen
wir die Ausstellung.

ZUR AUSSTELLUNG DES KUNST-DIENSTES

Im Lichthof des Alten Kunstgewerbemuseums
in Berlin hat der Kunst-Dienst vom 11. November
bis 28. 'Dezember eine Ausstellung „Kult und
Form" eingerichtet, die mit der vorstehend wie-
dergegebenen Rede von Professor Tillich eröff-
net wurde. Auch die Abbildungen auf diesen
Seiten sind der Ausstellung entnommen. Wir fü-
gen hier einige Sätze an, in denen der Kunst-
Dienst von seinen Arbeiten und seinen Zielen
spricht:

„Der Kunst-Dienst ist eine unabhängige Ar-
beitsgemeinschaft. Durch lebendige Mittel der
Veranschaulichung und Kundmachung sowie
durch Einsatz für Einfachheit und Ehrlichkeit
der Werkformen und der Lebensformen inner-
halb und außerhalb der Kirchen strebt er der
kommenden religiösen Erwartung und Neugestal-
tung zu dienen.

Unsere Bemühungen um die Klärung der Fra-
gen kultischer Gestaltung werden von hier aus
verständlich. Der erste Schritt in dieser Rich-
tung war unsere Ausstellung .Kultbauten der
Gegenwart' (Berlin 1929). Im Zusammenhang
damit wurde notwendig, die gleiche Aufmerksam-
keit dem kirchlichen Gebrauchsgegenstand zu
widmen und auch hier Besinnung auf die Grund-
voraussetzungen zu fordern. Dies bedeutet Ver-
pflichtung des Gestaltenden auf die Bedingungen
von Kult und Werkstoff. In allen religiösen La-
gern wird diese Haltung heute wieder sichtbar.
So ergab sich diese Übersicht neuer evangeli-
scher, katholischer und jüdischer Gebrauchs-
kunst, die in Werkstätten. Arbeitsgemeinschaf-
ten und Schulen des Reiches — z. T. auf unsere
Anregung hin — entstanden ist.

Neben der einmaligen Arbeit des Kunsthand-
werkers steht das Modell für die Serienherstel-
lung. Beides kann heute allerdings nur als ein
Versuch und Ansatz betrachtet werden, der auf
eine gegenseitige Durchdringung kultischer und
profaner Gestaltung hinweist,"

Foto: Curt Rehbein, Berlin

Tüllbehang, hergestellt von Hanusch, Kunstschule Plauen.
Davor: Lesepult aus Holz von Th. A.Winde, Dresden, Leuchte
aus Nickel, Werkstätte für kirchliche Kunst im Rauhen Haus,
Hamburg, Leitung: Bernhard Hopp. Glaskelch mit Rubin-
Uberfang, Glaswerkstätte Zwiesel

Tenture de tulle, fabriquee par Hanusch, Ecole artistique de Plauen.
Devant cette tenture: pupTtre de lecture en bois, fabrique par
Th. A. Winde, Dresde. Chandelier de nickel, provenant des ateliers
d'art religieux du „Rauhes Haus" d'Hambourg, directeur: Bernhard
Hopp, Calice en verre ä placage couleur rubis, provenant des
Ateliers de Verrerie de Zwiesel

Muslin Curtain, made by Hanusch, Plauen School of Art. In fore-
ground a reading-desk in wood designed by Th. A. Winde, Dresden.
Candelstick in nickel from the Workshop for ecclesiastical art in
the Rauhen Haus, Hamburg under the directorship of Bernhard Hopp.
Glass goblet with ruby glaze from the glass Workshops in Zwiesel

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