Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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BAUSPARKASSEN UND BAUKULTUR

Von 1924 angefangen bis heute wurden in
Deutschland die Bausparkassen immer zahlreicher
und stärker. Die erste und auch heute wohl noch
größte, die Bausparkasse der Gemeinschaft der
Freunde z. B. gab im Jahre 1924 e i n Baudarlehen
von 10 000— RM., im Jahre 1929 schon 3167 Bau-
darlehen von 45 100 000— RM. Solchen Zahlen
braucht man nichts mehr hinzuzufügen. Die Idee des
Bausparens ist hierdurch als lebenskräftig und zeit-
notwendig erwiesen. Die Bausparkassen bieten
auch den weniger Begüterten einen gangbaren Weg
zur Kapital b i I d u n g zu dem besonderen Zweck
Wohnungsbau. Die Baugenossenschaften und Bau-
vereine haben mehr die Kapitalbeschaffung
zum Ziele, welches sie durch das gemeinschaftliche
Vorgehen erreichen. Unter den gemeinnützigen
Unternehmungen zur Förderung des Volkswohnungs-
baues hat die Bausparkasse wohl am stärksten die
Tendenz zum Wirtschaftsindividualismus. Ent-
sprechend ist ihr Ziel stets das Eigenheim: „Ganz
nach eigenem Geschmack — keine Massensiedlungs-
häuser", hebt ein Werbeblatt hervor. Aber gerade
dieses, welches die stärkste Seite der Bauspar-
kasse sein mag, dürfte gleichzeitig — bis jetzt we-
nigstens — auch ihre schwächste Seite sein. Ihre
stärkste Seite ist es vielleicht insofern, als ein wirt-
schaftsindividualistisches Prinzip sich am leichte-
sten in unser bestehendes Wirtschaftssystem ein-
fügt. Sieht man aber den Geschmacksindividualis-
mus an, die Musterbeispiele von bisher ausgeführten
Häusern „ganz nach eigenem Geschmack", so kön-
nen einem große Zweifel an der Richtigkeit der gan-
zen Sache kommen. Vermutlich sind die Häuser ja
innen auch nicht besser als außen. Dann halten sie
einen Vergleich mit den Massensiedlungshäusern der
Baugenossenschaften, dort, wo von diesen Vorbild-
liches geleistet wurde, keineswegs aus. Der wesent-
Jiche Unterschied rührt daher, daß die Baugenossen-
schaft nicht nur die Geldbeschaffung gemeinsam
macht, sondern auch die Bauherstellung. In dem ge-
meinschaftlichen Bauen liegen für sie wiederum wirt-
schaftliche Vorteile, im Typenbauen, in der gleich-
zeitigen Ausschreibung und Durchführung vieler zu-
sammenliegender Bauvorhaben. Bei den Bauspar-
kassen liegen die einzelnen Bauvorhaben getrennt.
Die wirtschaftlichen Vorteile der Vereinheitlichung
fallen daher fort. Ist die Baugenossenschaft in ihrer
inneren Struktur einheitlich von der Geldbeschaf-
fung bis zur technisch-künstlerischen Durchführung

— der Genossenschaftsgedanke findet seine voll-
kommene, baukünstlerische Darstellung in dem
Bauen von Außenräumen, sei es nun, daß diese von
Einzelhäusern oder Reihenhäusern gebildet werden

— so ist bei den Bausparkassen bisher nur schein-
bar eine Einheit da. Flüchtig betrachtet scheint,
wie gesagt, einem Wirtschaftsindividualismus ein
Geschmacksindividualismus zu entsprechen. Man
darf aber nicht übersehen, daß die wirtschaftsindi-
vidualistische Tendenz durch die nicht minder starke
gegenseitige Hilfe, ohne die eine Bausparkasse ja

undenkbar ist, modifiziert wird. Gerade darum steht
auch dem Bausparer ein besonders individualisti-
sches Prunken hinsichtlich der Baugestaltung nicht
an. Die durch das Bausparen ermöglichten Häuser
sind ja gar keine Sonderfälle, die im Gegensatz zu
den Wohnungen der Masse Anspruch darauf machen
könnten, nach ganz besonderem Künstlerentwurf ge-
staltet zu werden. Etwas Derartiges würde in merk-
würdigem Gegensatz zu der Baugeldbeschaffung
stehen, wo Pfennig für Pfennig sauer erspart wurde,
und zwar gemeinsam mit tausend anderen zusam-
men. Selbstverständlich würde man die kleine Eitel-
keit solcher Häuser auch ohne Vergleich von Geld-
beschaffung und Bauen erkennen, aber er wird hier
gemacht, weil er darlegt, daß innerhalb der großen
und mächtigen Sache der Bausparkassen ein Bruch
vorhanden ist, der ausgefüllt werden muß. Es wird
notwendig sein, daß die Bausparkassen sich nicht
mit dem Gedanken der Gemeinschaft bei der Geld-
beschaffung begnügen, sondern ihn auch auf
die Bauerstellung ausdehnen. Er wird da auf-
treten als Gedanke der Unterordnung des einzelnen
unter das Ganze, welches im wahrsten Sinne ein
künstlerisches Prinzip ist. Die einzelnen Häuser
müssen ihre allzu kleine, persönliche Eitelkeit auf-
geben. Von dem Standpunkte der Gesamtheit ist es
viel schöner, wenn die Einzelhäuser mit ihrem Form-
geschnatter aufhören, und es ist viel richtiger, wenn
ihre Grundrisse nach einheitlichen, besten Richt-
linien aufgebaut werden, welche erfahrungsgemäß
niemals von der Willkür des ganz eigenen Ge-
schmackes überboten werden. Kurz: Gemeinsam-
keit tut not nicht nur für Bauwirtschaft, sondern
auch für Baukultur! Der Begriff Kultur setzt ja den
Begriff Gemeinschaft voraus. Wenn die sehr wert-
volle Arbeit der Bausparkassen nicht im rein Wirt-
schaftlichen stecken bleiben soll, sondern sich zu
Kulturellem vertiefen, so ist es notwendig, daß sie
die Gemeinschaftsidee noch weiter hinausdehnen.
Was im einzelnen zu machen wäre, kann hier natür-
lich nicht erörtert werden. Es liegt schon nahe:
Beeinflussung und Beratung der Sparer, ja vielleicht
sogar Verpflichtung eben nicht nur wirtschaftlicher
Art (regelmäßig zu zahlen), sondern auch kultureller,
nämlich nur unbedingt Wertvolles und Gediegenes
zu bauen.

Ernst Hopmann

Mitarbeiter dieses Heftes:

Professor Dr.-Ing. Rudolf S c h wa rz. Direktor der Kunstgewerbe-
schule Aachen

Professor Dr.-Ing. Hans Soeder, Architekt an der Staatl. Kunst-
akademie Kassel

Dr. Gustav Barthel am Kunstgewerbe-Museum Köln
Anton Schickel, Leiter der Edelmetallwerkstätte an der Kunst-
gewerbeschule Aachen

Wilhelm Rupprecht, Leiter der Paramentikwerkstätte der Kunst-
gewerbeschule Aachen

Professor Dr. Hans Cornelius, Oberursel b. Frankfurt a. M.
Paul Westheim, Berlin, HerausgeberderZeitschrift,,Das Kunstblatt"
Alexander Schwab, Berlin, Volkswirtschaftlicher Schriftsteller
Dipl.-Ing. Ernst Hopmann, Köln, Architekt

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