Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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ERNEUERUNG DES KIRCHENBAUS?

WALTER RIEZLER

Der Kirchenbau hat nach dem Kriege einen
überraschenden äußeren Aufschwung genom-
men. Ob dieser Aufschwung nur in der günsti-
geren wirtschaftlichen Lage der Kirche begrün-
det ist, wie manchmal behauptet wird, oder Zei-
chen einer inneren Erstarkung des kirchlichen
Lebens ist, geht uns hier unmittelbar nichts an.
Wohl aber lohnt für uns die Frage, wie sich der
Kirchenbau zu der allgemeinen baukünstleri-
schen Situation unserer Zeit verhält.

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts hatte
es der Kirchenbauer leicht: die ganze glorreiche
Vergangenheit der kirchlichen Baukunst stand
zu seiner Verfügung, und er hat ja auch, ange-
fangen bei Ravenna und endend beim Spät-
barock, ohne Scheu davon Gebrauch ge-
macht, — wobei das Ergebnis im Einzelfall rein
formal betrachtet oft gar nicht so geringwertig
war; so ist dem Talent und künstlerischen Fein-
gefühl Gabriel Seidls manche schöne Kirche ge-
lungen, die, da auch alles andere, was damals
gebaut wurde, irgendwie mit Formen der Ver-
gangenheit zusammenhing, trotz alles Historizis-
mus nicht fremd in ihrer Umgebung steht. Auch
heute gibt es, vor allem in Süddeutschland, noch
„Talente", die derartige Kirchen bauen, — aber
der Unterschied ist nur der, daß diese Kirchen
heute zu allem anderen, was gebaut wird, im
schärfsten Gegensatz stehen. Daran ändert
auch der Umstand nichts, daß man heute die
alten Formen in der Regel freier anwendet,
manchmal richtig „modern" abzuwandeln ver-
sucht, daß man vor allem auch, einer neuen ..ro-
mantischen" Strömung folgend, den Reiz des
primitiven handwerklichen Bauens, etwa in der
Art der rohen Bruchsteinmauerung, die uns an
den Kirchen der Zeit um 1000 als ein Zeichen
inbrünstigen Bemühens um die Ehrung Gottes
wahrhaft ergreift, zu erneuern sucht. Denn auch
dieses Handwerk steht, so stark auch immer die
Sehnsucht danach in unserer Zeit begründet zu
sein scheint, zu dem, was heute wirklich aus den
natürlichen Bedingungen der Zeit entsteht, in
einem nicht zu übersehenden Gegensatz.

Da nun aber auch andererseits die neuzeit-
lichen Baustoffe und Baumethoden, überhaupt

die neuen Bauformen allmählich im Kirchenbau
Eingang finden, so ist der Eindruck, wie ihn etwa
die vom „Kunstdienst" in Dresden zusammen-
gebrachte Wanderausstellung vermittelt, die die
wichtigsten kirchlichen Bauten der letzten Zeit
enthält, der eines vollkommenen Chaos der For-
men und der Gesinnung, — in einem Augenblick,
da sich im übrigen das architektonische Chaos
allmählich zu lichten scheint, da langsam, aber
kaum mehr zu verkennen, die Linien eines
„Neuen Baustils" sichtbar werden. Nur der
kleinste Teil der neuen Kirchenbauten steht zu
dieser, nach neuen Formen drängenden Bau-
gesinnung in einer innerlich begründeten Bezie-
hung. Bei anderen ist die Verbindung mehr
äußerlicher Art, entweder rein formalistisch oder
nur auf der Anwendung neuer Baustoffe und
Konstruktionsmethoden beruhend, und des wei-
teren gibt es alle möglichen Abstufungen bis zu
der bewußten und scharf ausgeprägten Gegner-
schaft gegen alles, was nach „zeitgemäßem"
Bauen aussieht.

Wird man jemals hoffen dürfen, auch auf die-
sem Gebiete das uns aus dem 19. Jahrhundert
überkommene Chaos zu überwinden? Die Lage
ist für die verschiedenen christlichen Kirchen
nicht die gleiche. Beim evangelischen Kirchen-
bau handelt es sich um ein Problem, das im
Grunde noch niemals rein gelöst worden ist, das
daher sehr wohl in einer Zeit, die allen archi-
tektonischen Problemen neu zu Leibe geht, ganz
neu angepackt werden kann. In der Tat sind hier
auch heute sehr ernsthafte Versuche unternom-
men worden, den Kirchenbau endgültig aus der
wenn auch oft nur noch losen Bindung an die
katholische Tradition, — die auf das engste mit
dem katholischen Ritus verknüpft ist, — zu lösen,
und die Form ganz folgerichtig aus den Bedürf-
nissen des evangelischen Gottesdienstes zu
entwickeln. Was in dieser Richtung z. B. durch
Otto Bartning bereits geleistet wurde, gehört
durchaus in den Zusammenhang der neuzeit-
lichen Architektur.

Ganz anders aber steht es mit dem katholi-
schen Kirchenbau, der seiner rein sakralen Be-
deutung nach immer noch die größere Aufgabe

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