Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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Existenz, bleiben stärker im Material verhaftet, und
es ist hochinteressant zu sehen, wie dieser moderne
Gestalter aus der Schule des Bauhauses sich mit
dieser Technik auseinandersetzt.

Von modernen Arbeiten auf dem Gebiet der Glas-
malerei hat man im ganzen den Eindruck, als ob eine
klare Auseinandersetzung mit dieser Technik noch
nicht recht eingeleitet sei. Das Glasfenster als Be-
standteil des Raums verführt leicht zu dekorativer
Betätigung. Erfreulich ist, daß man dabei wieder mit
dem Element, der farbigen Scheibe, anfängt zu kom-
ponieren. Zu diesen Versuchen gehören die Arbeiten
von Peter Röhl, zuletzt in der Friedenskirche in
Frankfurt a. M., die Glasfenster längs der Treppe
des Grassi-Museums von Albers in Dessau und
neuerdings die Verglasung der israelitischen Fried-
hcfskapelle in Königsberg von Erich Mendelsohn.
Wichtig bleiben immer noch im Sinne der künstleri-
schen Auseinandersetzung mit dem Material die Ar-
beiten von Thorn-Prikker und die interessanten
Werkstattversuche von Ludwig Gies.

Wir leben in einer Zeit, die diejenigen Fragen der
Gestaltung, die im Zusammenhang mit den sozialen
Fragen stehen, in den Vordergrund des Interesses
gerückt hat. Die edlen Techniken des Handwerks
finden verhältnismäßig geringe Pflege, aber eine Er-
kenntnis greift doch mehr und mehr um sich: daß wir
diese Dinge nicht vernachlässigen dürfen und daß
sie in konzentrierter Anwendung und vor allem in
wirklich echter Darstellung einen viel größeren Wert
erhalten, als wenn man wie früher versuchte, alles
mit Edeltechnik zu überziehen und in dieser Sucht
oft zur Ersatztechnik griff, die die edlere vortäu-
schen sollte. Es ist auch nicht richtig, wenn man da-
von spricht, daß diese Dinge zu teuer seien für
unsere arme Zeit. Die Beschränkung auf wenige

aber gute Objekte bedeutet im materiellen Sinn eine
Einschränkung, aber in kulturellem Sinn und in der
Auswirkung auf den Menschen Bereicherung. Und
nun kommt etwas hinzu, nämlich, daß der Wille vor-
handen ist bei all den Stellen, wo ein Gemeinschafts-
wille sich verkörpert, dieser Idee zu einem formalen
und repräsentativen Ausdruck zu verhelfen. Jeder
Staat, die Kirche, jede Kommune, einzelne Verbände,
Gewerkschaften, Industriegruppen fühlen sich ver-
pflichtet, sich darzustellen in sichtbaren Symbolen.
Die Repräsentation, mag sie oft im alten Sinn als
selbstüberhebliche Herausstellung kritisiert werden,
gründet sich letzthin doch auf ein Bedürfnis und auf
ein Gefühl für Verpflichtung gegen die Sache, der
man dient. Am Schluß der Einleitung zu seinem Buch
„Das ewige Handwerk"*) sagt G. F. Hartlaub: ,,Es
ist schließlich auch keineswegs ausgemacht, daß
eine Gesellschaft, die auf die handwerkliche
Qualitätseinzelleistung verzichtet, damit überhaupt
auf große freie Kunst Verzicht leisten müßte. Im
Gegenteil ließe sich sehr wohl, hoch über der nor-
mierten Gleichform technoider Gebrauchsgestaltung,
ein Reich ganz anders gearteter freier und manueller
Kunst denken, einer Kunst, in der die Gemeinschafts-
ideale, die Metaphysik, ja vielleicht die Religion der
Masse sich zu ungeahnt großartigen Sinnbildern ver-
dichten würde."

Daß ein Gefühl der Verpflichtung auch in der heu-
tigen Gesellschaft bei einzelnen Gruppen, die eine
Zusammenfassung des Willens bedeuten, vorhanden
ist, mögen zwei Beispiele bekunden, die Reliefs von
Gies im Metallarbeiterhaus von Mendelsohn und in
dem Poelzigschen I. G. Farbenhaus eine große In-
tarsienwand von Ewald Dülberg.

*) Erscheint im November im Verlag Hermann Reckendorf G.m.b.H.,
Berlin SW 48

DISKUSSIONEN

BAUKUNST UND ETHOS

Die Diskussion über das Wesen der neuen Bau-
kunst scheint mir allzu einseitig stets nur den Gegen-
satz zwischen der alten und der neuen Bauweise
hervorzuheben, statt das Gemeinsame zu beachten,
das beide verbindet. Irrige Vorstellungen über den
Ursprung und das Wesen der alten Bauweise üben
auf die Diskussion einen hemmenden Einfluß aus.
Für die Klärung des Problems dürfte eine Berichti-
gung dieser Vorstellungen von Nutzen sein: nach
deren Beseitigung wird das Gemeinsame der alten
und der neuen Baukunst sich leichter feststellen
lassen.

I.

Ich knüpfe an die Betrachtungen von Hartlaub in
seinem Aufsatz über das Ethos der neuen Bau-
kunst an.

Sicher behält Hartlaub recht gegen Pinders
These. Es ist nicht bloß ein anfechtbarer, sondern
ein sicherlich falscher Schluß aus einer fernen Ver-
gangenheit auf die Zukunft, wenn man meint, daß
nur aus dem religiösen Glauben eine dominierende
und monumentale Baukunst entspringen könnte: der
Glaube, daß ohne eine Erneuerung der Herrschaft
von religiösem oder magischem Glauben oder Aber-

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