Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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NEUES BAUEN UND WOHNEN ALS ARBEITSGEBIETE
DER VOLKSBILDUNG

ARTHUR BLOCHWITZ

Dieser Aufsatz stellt einen Bericht des Verfassers über die Grundlagen und Ziele seiner Mitarbeit ari
sächsischen Volkshochschulen an das Volksbildungsamt Leipzig dar.

Die Gebiete des modernen Wohnbaues und der
Raumgestaltung umfassen nur in verhältnismäßig ge-
ringem Maße die individuelle Gestaltung der
Umwelt. Wenn auch die maschinelle Produktion
künstlerisch durchgeformt wäre und dabei eine viel-
fache persönliche Auswahlmöglichkeit bestünde, so
bleibt die Ganzheit dieser Gebiete doch in stärk-
stem Maße eine soziologische Angelegenheit, be-
gründet und erklärbar aus den gesellschaftlichen

„Törichte Jungfrauen"

Baubild am Lichtfang des Haupteinganges (Lyzeum)
Aluminiumsilber auf rotbraunem Mahagoni
Kurt Schwerdtfeger

Beziehungen der Gegenwart. Der Stand der Ge-
staltungsvorgänge in diesen Gebieten bedeutet
noch längst nicht Höhe- oder Endpunkt, denn die
Umordnung der Gesellschaft ist noch in vollem
Gange. Die Auseinandersetzung in den Bereichen
des Städtebaues, der Siedlung, Baugesetzgebung,
Hygiene, Wirtschaftlichkeit im Wohnbau usw. sind
keine „reinen Fachfragen'1, sondern die Einstellung
zu diesen Problemen wird bestimmt durch soziologi-
sche Einsichten, Vorstellungen und Forderungen.

Auch die Form, die diesen Dingen gegeben wird,
ist in ihren Elementen und ihrer Gesamthaltung eine
gemeinschaftliche. Es kann kein Zweifel
sein, daß die gemeinsame Formsprache unserer Zeit,
oft widerstrebend anerkannt oder nur im Unbewuß-
ten Fuß fassend, sich immer stärker durchsetzt.
Gegen die Macht gesellschaftlicher Kräfte ist eben
kein Kraut gewachsen, das den einzelnen schützen
könnte.

Nun beobachten wir folgenden Vorgang:

Ein großer Teil Menschen, die ihrer sonstigen Hal-
tung nach zu den Bejahern des modernen Formwil-
lens gehören müßten, leben in einer Umwelt so ver-
kitschter, veralteter, unpraktischer Art, voll muffiger
Romantik, daß einen das graue Elend packen kann.

Es ist anzunehmen, daß das Erbe unserer gestal-
terisch so unfähigen Vergangenheit diesen Men-
schen die natürliche Empfindung für geformte Dinge
verdorben und verschüttet hat. Dabei möchte ich
keinen Zweifel über meine Ansicht lassen:

,,Von Sachlichkeit allein kann sich keine Men-
schenseele ernähren, aber die natürliche Uberein-
stimmung von Mensch und Umwelt scheint mir die
neue Aufgabe unserer Zeit zu sein. Gestaltung des
Lebens und Gestaltung der Umwelt in neuer .Ein-
heit'."

Für die Menschen, denen die Arbeit in der Volks-
bildung und das Arbeitsbereich des Werkbundes
etwa als Tätigkeitsgebiet zugewiesen sind, entsteht
die Aufgabe der Heranführung der Menschen an die
Werke geformter Arbeit von allen Seiten. Diese
Arbeit wird heute nur von einzelnen ausgeführt. Eine
stärkere erzieherische Betätigung unserer berufe-
nen Organisationen erscheint notwendig. Dabei sind
drei Gebiete zu gleicher Zeit zu bearbeiten.

Auf der einen Seite gilt es, in breitester Front
die Erziehung der Konsumenten in die Hand zu
nehmen.

Ich bemühe mich seit Jahren, im Rahmen der
Volkshochschule Leipzig in Kursen und Arbeitsge-
meinschaften das lebendige Gut künstlerischer For-
mung zu vermitteln. Baugestaltung und vor allen
Dingen Wohnungsgestaltung sind wichtige Gebiete
der freien Volksbildungsarbeit; handelt es sich doch
nicht etwa nur um die persönliche Umwelt, sondern
es werden eine Fülle gesellschaftlicher Vorgänge

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