Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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ASYMMETRIE

IM BUCHDRUCK UND IN DER MODERNEN GESTALTUNG ÜBERHAUPT

PAUL RENNER

Niemand wird leugnen, daß die Mittelachse zu
einem starren typografischen Schema geworden
war, dem Zweck und Sinn der Drucksachen all-
zuoft zum Opfer gefallen sind. Wie die neue
Architektur nicht aus jedem Haus ein um ein
eigenes Zentrum angeordnetes Kunstwerk
machen will, das sich von der Umgebung fast
feindlich abschließt, und wie sie dadurch ein
neues Landschaftsbild geschaffen hat, in wel-
chem die lebende Natur, etwa ein Baum, wieder
einen Hintergrund bekommen hat und nicht als
isolierte Einzelform neben der architektonischen
Einzelform steht, so hat auch die neue Typogra-
fie die Abgeschlossenheit der typografischen
Einheit gelockert. Eine Inseratenseite, bei der
keine Anzeige auf Mittelachse gesetzt ist, be-
kommt schon dadurch eine gewisse Einheitlich-
keit. Die Abneigung der neuen Typografie gegen
die Mittelachse hat, oberflächlich betrachtet,
nur die eine Ursache, den einen Grund, daß über-
haupt jede Gestaltung verurteilt wird, welche der
schönen Form zuliebe einer Aufgabe Gewalt an-
tut. Durch die ganze angewandte Kunst unserer
Tage geht ja das Streben, auf das Prunken mit
Kunst zu verzichten. Man kann und muß nicht
aus jedem bedruckten Zettel ein Kunstwerk
machen wollen. Wir suchen heute für die Masse
der Drucksachen, die ohne langes Überlegen
schnell gesetzt werden müssen, eine anspruchs-
lose, natürliche Haltung, die nicht den höchsten
künstlerischen, aber wenigstens allen prakti-
schen und technischen Forderungen genügt.

Aber damit ist nicht alles erklärt. Wir sehen
in der Asymmetrie nicht nur einen Verzicht auf
die kunstvolle symmetrische Gestaltung, wir
sehen in diesem Verzicht auf die Kunst nicht
nur eine erlaubte oder gar lobenswerte Haltung,
sondern die asymmetrische Form selbst wird von
uns in ihrer Auflehnung gegen die Symmetrie, in
ihrem Spannungszustand zu der uns also immer
noch im Geiste vorschwebenden symmetrischen
Form, als eine besonders zeitgemäße künstle-
rische Form erlebt.

In Kornmanns mit Recht viel beachtetem Buch:
..Die Kunsttheorie von Gustav Britsch" wird, um
ein kaum anfechtbares Elementargesetz der bil-
denden Kunst zu veranschaulichen, folgendes
Beispiel angeführt: Wer Blumen auf ejnen Tisch
stellt, um ihre Schönheit zur Geltung zu brin-
gen, wer also die Vase, in der sich die Blumen
befinden, nicht nur irgendwo abstellen will, wird
sie immer in die Mitte des Tisches stellen. Er
bekundet damit bewußt oder unbewußt, daß Blu-
menstrauß und Tisch in der eigenartigen, aber
eindeutigen Ausdrucksweise von Britsch ein A
mit U sind: ein Beachtetes (A), das von der
Tischfläche eingerahmt wird. Der Tisch ist die
gleichgültige, oder wenigstens die nach jeder
Richtung hin gleichviel geltende Umgebung (U);
und da keine Richtung einen Vorzug verdient, so
ist die Mitte der gegebene Ort für das künstle-
risch Gemeinte und Betonte (A) auf dieser Um-
gebung (U).

Diese ästhetische Grundtatsache kann nicht
bestritten werden. Aus ihr lassen sich wichtige
Formgesetze der bildenden Kunst ableiten: die
Gesetze der Mittelachse, der Symmetrie, des
Rahmens und der Reihung. Daß aber diese Ge-
setze in der neuen Baukunst und in der neuen
Typografie nicht immer so unbedingt zu gelten
scheinen wie in der klassischen Kunst, hat ver-
schiedene Gründe.

Stellen wir auch wirklich heute noch so ohne
weiteres und in jedem Falle den Blumenstrauß
in die Mitte des Tisches? In unseren Wohnungen
gibt es gar nicht mehr so viele Tische, die keine
andere Bestimmung hätten als einem Blumen-
strauß zur Folie zu dienen. Daß man auf einem
Schreibtisch die schmückenden Blumen auf die
Seite stellt, versteht sich von selbst. Aber auch
auf kleinen Tischen, die vielleicht im Augenblick
leer sind, werden wir den Blumenstrauß nicht
immer in die Mitte stellen. Diese Mitte erscheint
uns heute zu selbstbewußt, zu betont, zu end-
gültig. Sie entspricht nicht der sanften Schön-
heit der Blumen, und es widerstrebt uns heute,

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