Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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DAS SACHBILD

OTTO NEURATH

I. Bildhafte Pädagogik

Ein gutes Sachbild soll einen Tatbestand
allgemeinverständlich zum Bewußtsein bringen,
sei dies nun eine Wohnung, eine Maschine, ein
Haus, ein Tier, eine Stadt, die soziale Gliede-
rung eines Volkes, die wirtschaftliche Struktur
der Welt oder sonst etwas, das sich bildhaft dar-
stellen läßt. Ein Sachbild kann man neben ein an-
deres hängen; sie wollen einander nicht stören.
Ein Reklameplakat dagegen strebt nach Allein-
herrschaft. Der Versuch, Straßenreklame bän-
digen und normen zu wollen, widerspricht dem
Sinn der heute herrschenden kaufmännischen
Konkurrenz, Sachbilder dagegen können einan-
der ergänzen, — alle zusammen sind ein System
der Aufklärung. Hier kommt internationale Nor-
mung in Frage.

Sachbilder sind grundsätzlich anders zu be-
urteilen wie Reklamebilder: auch Sachbilder
müssen bestimmte Dinge besonders hervorhe-
ben, aber immer innerhalb eines gegebenen Rah-
mens, während die Reklamebilder eine solche
Eingliederung nicht kennen. In gleicher Weise
unterscheidet sich eine planmäßige Ausstellung,
die belehren will, von einer Messe.

Die Reklame hat vorbildliche Leistungen ent-
stehen lassen; Mannigfaltigkeit der Gestaltung,
hohe Bezahlung und nicht zuletzt auch die An-
erkennung durch die Öffentlichkeit lockte gute
Grafiker an. Sachbilder dagegen sind oft lang-
weilig und kommen meist über Schulräume und
Volksbildungsinstitute nicht hinaus; Sachbilder,
die auf Ausstellungen vorgeführt werden, sind
9emeinhin Gelegenheitsarbeiten und verzichten
auf nachhaltige Wirkung. Wenn bis jetzt Sach-
bilder im allgemeinen arg vernachlässigt wurden,
so nicht zuletzt deshalb, weil diejenigen, welche
die Technik der Darstellung beherrschen, im
19. Jahrhundert vor allem ihre Persönlichkeit
ausdrücken oder die Beschauer erschüttern woll-
ten. Daß der Gestalter des Sachbildes hinter
der Aufgabe der Darstellung zurücktreten muß.

wie der Architekt, welcher eine zweckmäßige
Wohnung schafft, wird wohl erst in der Periode
erreicht werden, deren Beginn wir gegenwärtig
erleben. Im Mittelalter und zu Beginn der Neu-
zeit war die Malerei in hohem Maße Sachdar-
stellung. Aber auch ein moderner Meister wie
Leonardo da Vinci mühte sich, in Abbildungen
das Funktionieren von Maschinen und mensch-
lichen Körpern zu zeigen. Man muß nur wieder
die besten Kräfte für die modernen Aufgaben
sachlicher Darstellung gewinnen.

Man könnte einwenden, Sachbilder zu beur-
teilen sei ausschließlich Sache der Lehrerschaft;
aber man überläßt ja auch die Reklame nicht den
Kaufleuten, sondern nimmt zu ihren Ergebnissen
Stellung. Die Qualität der Sachbilder würde
sicher gewinnen, wenn eine Stelle von öffent-
lichem Einfluß sich um sie systematisch küm-
merte. Hier hätte der Werkbund einzugreifen.
Er betreut Tisch, Topf, Teppich, Bucheinband,
Zigarettenschachtel, Auto, Haus, Stadt, Ausstel-
lung und Reklameplakat. Warum soll er sich nicht
auch um das Sachbild kümmern?

Es ist eine klare Aufgabe des täglichen Le-
bens, auf die beste Weise anschaulich zu zeigen:
eine Wohnung, eine Maschine, ein Haus, ein Tier,
eine Stadt, die soziale Gliederung eines Volkes,
die wirtschaftliche Struktur der Welt. Schnitte,
Projektionen. Modelle, Mengenbilder, Karto-
gramme. Trickfilme. Fotos, alles das entspricht
seinem Zweck nur dann, wenn es sachlich rich-
tig ist, pädagogisch durchdacht wird und for-
mal befriedigt. Wer soll als Treuhänder sol-
ches Bemühen fördern?

Der Werkbund.

Unser Zeitalter wird vielleicht einmal das Zeit-
alter des Auges genannt werden. Die moderne
Demokratie begann mit der Rede, mit der Presse,
mit dem Buch. Heute sind das Kino, das Reklame-
plakat, das illustrierte Magazin, die Ausstellung
mächtig geworden. Wer den Menschen rasch
etwas mitteilen will, bedient sich am wirksamsten
optischer Mittel. Schule und Volksbildung kön-

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