Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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die geistig-künstlerische Haltung gedeihen, derer
es hier bedarf. Hiermit wird nichts gefordert,
was der allgemeinen kulturellen Situation wider-
spricht: denn gerade in der Baukunst sieht man
ja, wie allerorts und bei allen Aufgaben die indivi-
duelle Besonderheit zurücktritt hinter einem Ge-
meinschaftsgeiste, dem allgemeine überpersön-
liche Formen entsprechen. Aber allerdings ist
der Anspruch, der in diesem besonderen Falle
an die Selbstentäußerung des einzelnen gestellt
wird, noch größer, — gemäß der tieferen seeli-
schen Bedeutung der Aufgabe. Vielleicht, —
dies sei mit aller Vorsicht ausgesprochen —,
wäre nur in einer klösterlichen Gemeinschaft

die seelisch-geistige Atmosphäre zu schaffen, in
der der wahrhaft zeitgeborene Kirchenbau ge-
deihen kann. Der Mißerfolg, mit dem die aus
ähnlichen Erwägungen entstandene Beuroner
Malerschule geendet hat, mag nicht zur Wieder-
holung des Versuches ermutigen. Aber schließ-
lich ist diese Bewegung nur daran gescheitert,
daß sie zu sehr nach der Erneuerung alter For-
men orientiert war, während in unserem Falle
die Aufgabe ganz allein darin läge: ohne jede
Bindung an die Formen der Vergangenheit rein
aus den Gestaltungskräften und technischen
Möglichkeiten der Gegenwart den neuen Kirchen-
bau zu entwickeln.

ERNEUERUNG DES KIRCHENBAUS?

RUDOLF S CHWARZ

Hochverehrter Herr Doktor Riezler!

Ihre liebenswürdige Einladung, nun auch meine
Meinung zur „Erneuerung des Kirchenbaus" zu
sagen, freut mich, aber sie macht mir Schwierig-
keiten. Denn wie sollte ich das tun, ohne die wir-
kenden Kräfte zu prüfen? Wie könnte das aber
an dieser Stelle in einer kompetenten Weise
geschehen? Wir Bauleute sind auf Aufträge an-
gewiesen, die ohne uns entstehen. Die Ur-
sprünge dieser Aufträge sind uns selten in die
Hand gegeben, und wir haben fast nur das Recht,
einen Auftrag abzulehnen, an den wir nicht glau-
ben. Darum werden wir uns wohl kaum in einer
entscheidenden Weise darüber unterhal-
ten können, ob Religion und Kirche heute neben
dem Leben des Tages stehen oder in seinem gei-
stigen Schwerpunkt, ob sie ein romantischer Fall
sind oder eine Wirklichkeit, ob zu ihrem Wesen
„sakrale Mystik" gehört. Derlei Dinge und lei-
der vorab die Begriffe des Sakraments, der
Kirche und des Liturgischen selbst scheinen mir
außerhalb der Reichweite unseres gegenwärti-
gen Gespräches zu liegen. Ich bedauere das.
denn man kann tatsächlich nicht viel über die
Frage eines neuen Kirchenbaus ausmachen,
ohne sich mit gewissen Bewegungen ausein-
anderzusetzen, welche eine Erneuerung seiner
Voraussetzungen anstreben. Bauen ist wohl
meist ein Nachvollziehen von Entscheidungen,
die anderswo gefallen sind.

Übrigens stimme ich Ihnen in fast allen Punk-
ten zu, wenn auch oft nicht in den Schlüssen,
die Sie aus Ihren Wahrnehmungen ziehen, und

ich begrüße ganz besonders Ihre deutliche Kri-
tik der gegenwärtigen Zustände. Wir haben im
Kirchbau das Chaos — wenigstens, wenn man
auf den Befund achtet und nicht auf das stille
Wachstum der Ideen —■ und dieses Chaos ent-
stand, wie Sie ausgezeichnet hervorheben, durch
den Zusammenfluß dreier Strömungen, einer
historisierenden, einer romantisierenden und
einer technoiden (das Wort vorläufig und ohne
Wertung gebraucht), wobei diese zur Zeit die
schwächste ist; und diese Strömungen stauen
sich vor einem Wall von Vorurteilen, die sich von
einer falschen Auslegung des Traditionsbegrif-
fes herleiten.

Mir scheint allerdings, daß die historisierende
Strömung zu versiegen beginnt und daß man sie
nicht ernster nehmen darf als die entsprechen-
den Reaktionen auf anderen Gebieten der Kunst
auch. Der Historismus hat bei uns keine Für-
sprecher mehr, ganz anders als etwa in den bei-
den Amerika, wo man noch viele Kirchen in alten
Stilarten baut und einrichtet, und das unter star-
ker Mitarbeit deutscher Industrien. Zu bemerken
wäre noch, daß die historischen Lehren nicht
für den Kirchbau geschaffen wurden, sondern
durch die Lehrstühle der Baukunst und die
Denkmalpfleger an ihn herangebracht wurden
und daß man heute, wo sie keine Gefahr mehr
bedeuten, auch in diesen Lehren einen gesunden
Kern feststellen kann, den Gedanken der „Wie-
dergeburt".

Mächtig dagegen ist die zweite Strömung, die
„romantische", wie Sie sich ausdrücken, deren

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