Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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Es ist nämlich im Grunde verdammt wenig damit
getan, ob wir Architekten einmal hier oder da eine
moderne Siedlung bauen oder nicht. Es kommt auch
im ganzen auf diese neuzeitlichen Bauanlagen viel
mehr der Entwicklung und des notwendigen Experi-
mentes wegen an, als auf den wirklichen und wert-
vollen Wohnraumgewinn. Denn da sind Hunderttau-
sende, da sind Millionen in Deutschland mit ein-
wandfrei schlechten, stets unzureichenden, gesund-
heitsschädlichen Altwohnräumen, aus denen Jahr um
Jahr immer wieder neue Generationen zukünftiger
Menschen herausgeboren und in die Welt gestellt
werden, Generationen, die eben von Anfang an vom
Stempel der menschlichen, wohnlichen und gesund-
heitlichen Unzulänglichkeit bis an ihr Lebensende
geprägt sind! Und darum ist es weit weniger wich-
tig, immer wieder schöne Publikationen um Dinge zu
machen, die leider Gottes kaum mehr bedeuten als
einen Tropfen auf einem glühenden Stein! Es kommt
gar nicht so sehr auf die Architekten an, sondern
auf die Menschen, für die der Architekt heute mehr
denn je in einer sehr weitgehenden Bedeutung mit
verantwortlich ist. Wer das nicht glauben und er-
kennen will, der verschaffe sich die furchtbaren sta-

Reichsheimstätten-Siedlung Düsseldorf-Gerresheim

Blick von Südwesten

tistischen Feststellungen des Roten Kreuzes, der
lese des Grafen Harry Kessler schauerliche Fest-
stellungen: „Die Kinderhölle von Berlin", der blät-
tere durch einige Jahrgänge der Bilderfolge der Ber-
liner Ortskrankenkasse, die dankenswerterweise
Jahr um Jahr die furchtbaren Zustände des Woh-
nungselendes im fotografischen Tatsachenbericht
festhalten und unter Wiedergabe der erläuternden
Begleitumstände publizieren läßt. Um nur aus einer
einzigen Stadt Beispiele zu nennen.

Wenn in Heft 6 der „Form" Adolf Behne sagt:
„Die Architekten arbeiten für die Masse", so kann
ich eben dieses gar nicht unterschreiben, und ich
glaube auch zu wissen, daß er etwas anderes meint;
denn der Architekt ä la mode von heute kennt in
der Regel gar nicht die Masse und er arbeitet auch
nicht für die Masse. Er arbeitet für seinen Beruf,
für seine Publikationen, für den Piedestal seiner
selbst und das möglichst groß geschriebene Ich.
Aber es gibt einige andere Begriffe, die für die Ge-
staltung der Zukunft wesentlicher, wertvoller und
größer sind. Sie heißen: Dienst, Verantwor-
tung, Menschentum!

RUNDSCHAU

WERKBUNDAUSSTELLUNG IN BRASILIEN

Die Wander- und Verkaufsausstellung des Deut-
schen Werkbundes in Brasilien hat auch in Rio de
Janeiro, wo sie am 9. November 1929 in der Kunst-
akademie im Beisein des Deutschen Gesandten
eröffnet wurde, große Beachtung gefunden.
Zwei Drittel aller Ausstellungsstücke konnten
bis jetzt verkauft werden. Eine Vertreterin des
Herrn Theodor Heuberger hält sich zur Zeit in

Deutschland auf, um die Ergänzung der Ausstellung
und zahlreiche Nachbestellungen zu veranlassen.
Die Abbildungen der Ausstellung in Sao Paulo auf
der nächsten Seite beweisen, daß es Herr Heuber-
ger verstanden hat, die nach Brasilien gesandten
Stücke in einem würdigen Rahmen aufzubauen. Die
Ausstellung soll demnächst noch in Curityba und
Porto Allegre gezeigt werden.

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