Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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BAUPOLITIK UND BAUWIRTSCHAFT

ALEXANDER SCHWAB

Billiger Wohnungsbau?

Ein interessantes Experiment, das der Reichs-
arbeitsminister vor hat. Um kurz zu rekapitulieren,
was durch die Tagespresse bekannt wurde: 100 Mil-
lionen zusätzliche Mittel für Wohnungsbauten über
das normale Programm hinaus. Verringerung der
Fläche auf 32 bis 45 qm, für kinderreiche bis zu
60 qm, Herabdrückung der Mieten dieser Wohnungen
auf 20 bis 40 Mark, bei 60 qm auf 40 bis 50 Mark
monatlich. Keine Vernachlässigung der gesundheit-
lichen Anforderungen. Kostensenkung durch geeig-
nete Lieferungsverträge über Baustoffe und Bau-
teile, durch Zusammenfassung der Bauvorhaben
(mindestens 20, in Großstädten mindestens 50 Woh-
nungen). Als Gesamtergebnis werden rund 30 000
zusätzliche Wohnungen erwartet.

Dieses Experiment ist um so interessanter, als es
nicht von einem sozialistischen Arbeitsminister
unternommen wird. Es ist eine anerkennenswert
rasche Antwort auf die Feststellung der Frankfurter
Tagung, daß die heutigen Methoden des Wohnungs-
baues nicht imstande sind, zu dem dringlichen Be-
darf der breiten unteren Schichten vorzudringen,
einfach, weil die Mieten für den normalen Arbeiter-
lohn nicht erreichbar sind. Daß die Verbilligung, die
jetzt zur Voraussetzung des Reichszuschusses ge-
macht wird, an sich möglich ist, haben die auf die-
sem Gebiet führenden Architekten seit langem be-
hauptet; man vergleiche etwa die Mitteilungen von
Haesler in seiner Broschüre „Zum Problem
des Wohnungsbaues", Verlag Hermann Reckendorf
G. m. b. H., Berlin SW 48. Die Widerstände, die sich
der Ausnutzung dieser Möglichkeit bisher fast über-
all — und besonders in Berlin — entgegengestemmt
haben, sind an dieser Stelle häufig angedeutet wor-
den. Vielleicht wird es noch einmal nötig werden,
sie deutlicher als bisher zu kennzeichnen. Für heute
nur einige kritische Worte über die Perspektiven
des angekündigten neuen Versuchs.

Richtig ist der Gedanke der Zusammenfassung
der Bauvorhaben; doch ist er in der heutigen Praxis
schon durchaus üblich. Richtig ist fraglos, daß durch
geeignete Lieferungsverträge erhebliche Verbilligun-
gen der Baustoffe und Bauteile erreichbar sind; ent-
scheidende Wirkung ist hierbei jedoch nur möglich,
wenn in ganz großer Zusammenfassung, nicht für
50 oder 100 Wohnungen, sondern für Wirtschafts-
gebiete wie Mitteldeutschland, westliches Industrie-
gebiet usw., und nicht für eine Saison, sondern für
einige Jahre voraus auf fester planwirtschaftlicher
Grundlage mit den Verbänden der Produzenten ver-
handelt und abgeschlossen werden kann. Problema-
tisch ist der Gedanke der Verkleinerung der Wohn-
fläche: hier kommt alles darauf an, wie es gemacht
wird. Die Fragen, die hier auftauchen, lassen sich
mehr oder weniger alle auf Grundrißprobleme zu-
rückführen: aus den — der Öffentlichkeit z. T.
nicht bekannten — Vorarbeiten scheint sich zu er-
geben, daß man voraussichtlich weder mit dem heu-

tigen zweigeschossigen Typ der Siedlungswohnung
noch auf schweren Hochhausfundamenten dem Ziel
näherkommen kann, sondern nur mit einem sehr ein-
fachen eingeschossigen Bau, der allerdings bis
aufs kleinste sorgfältig durchdacht sein muß.

Bleibt die Frage der Finanzierung. Die offizielle
Mitteilung erwähnt, daß wegen der Beschaffung
einer ersten Hypothek noch Verhandlungen im
Gange seien. Hier liegt der kritischste Punkt. Daß
mit ausreichenden Geldern für erste Hypotheken zu
erträglichen Zinssätzen ohnehin, aus Gründen der
veränderten Struktur des deutschen Kapitalmarktes,
bis auf weiteres nicht zu rechnen ist, wurde in frühe-
ren Beiträgen dieser Zeitschrift bereits angedeutet;
der Beweis dafür würde hier zu weit führen, er wird
übrigens je länger je mehr von der Praxis geliefert,
und auch eine Beseitigung der Hauszinssteuer
würde daran nichts ändern. Noch viel weniger aber
ist damit zu rechnen, daß solche Wohnungen, wie sie
das Programm des Arbeitsministeriums vorsieht,
eine Beleihungsmöglichkeit finden. Wohlgemerkt:
es ist natürlich sehr wohl denkbar, daß durch Ver-
handlungen mit mehr oder weniger öffentlichen Insti-
tuten für die 30 000 Wohnungen, die das Reich för-
dern will, das nötige weitere Kapital beschafft wird.
Aber wenn das gelingt, so wird es eine finanzpoli-
tische Spitzenleistung gewesen sein, die weder aus-
gedehnt noch in Bälde wiederholt werden kann.
Von welchem privaten Geldgeber, von welcher Hypo-
thekenbank aber wird man erwarten können, daß sie
eingeschossige, halb unterkellerte, schwach funda-
mentierte Wohnhäuschen höher beleihen als —
bestenfalls — zum reinen Bodenwert? Noch dazu
Häuschen, die nach ihrer ganzen Art nur Industrie-
arbeiter als Mieter haben können, hinter deren
Mietseingängen also immer das ganze Risiko der
Arbeitslosigkeit steht? Dieses Schauspiel werden
wir wohl nicht erleben.

Damit soll gegen den Plan des Arbeitsministeri-
ums an sich nichts gesagt werden. Er ist ein Schritt
vorwärts auf der Linie, die die deutsche Wohnungs-
wirtschaft sicherlich gehen muß. Aber eben nur ein
Schritt, und überhaupt nur verständlich, wenn man
ohne Scheu die weiteren Perspektiven ins Auge
faßt. Diese Perspektiven heißen: in der Produktion
planwirtschaftliche Arbeit mit planwirtschaftlichen
Vereinbarungen mit den Lieferindustrien — in der
Finanzierung: Loslösung des Kleinwohnungsbaus
vom Markt des anlagesuchenden Kapitals, Selbst-
finanzierung im Wege des Zwecksparens.

Mitarbeiter dieses Heftes:

Professor Josef Frank, Wien, Architekt, Erbauer mehrerer Wohn-
bauten der Gemeinde Wien

Regierungsbaumeister Walther S o h m I d t, München, Mitarbeiter an
den Postbauten Vorhoelzers

Dr. Justus Bier, Schriftsteller, Leiter der Kestner - Gesellschaft
m. b. H., Hannover

Dr. Alexander Schwab, Berlin, Volkswirtschaftlicher Schriftsteller

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