Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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DIE ZIELE DES DEUTSCHEN WERKBUNDES

Uber die Diskussion um die Ziele des Werkbundes
auf der Stuttgarter Tagung am 25. Oktober sind in
der Presse und in den Zeitschriften viele Berichte
veröffentlicht worden, die zum größten Teil mehr
den eigenen Standpunkt der Referenten darstellen
als eine objektive Wiedergabe der Besprechungen.
Einige dieser Berichte sind von Diskussionsrednern
auf der Tagung geschrieben worden und decken
sich natürlich In ihrem Grundgehalt mit den An-
schauungen der Redner. Damit wir nicht auch in
einen so naheliegenden Fehler verfallen, haben wir
die einzelnen Redner gebeten, uns kurz den Inhalt
ihrer Diskussionsrede niederzulegen, und auf dieser
Grundlage ist der folgende Bericht aufgebaut.

Julius Schramm, der in Wien den Anstoß zu
einer Aussprache über dieses Thema gegeben hatte,
gab folgenden Gedanken Ausdruck: Es gibt jetzt im
Werkbund zwei Richtungen, von denen die eine
grundsätzliche Schmucklosigkeit verlangt, während
die andere fordert, bei der Handarbeit die beson-
dere Materialbearbeitung zu beachten, die von
selbst nach einem Schmuck verlangt. Man dürfe
also der Handarbeit nicht grundsätzlich und gewalt-
sam das Aussehen und die Form von Maschinen-
arbeit geben. Er fordert, daß der Vorstand und die
Zeitschrift des Werkbundes, der Vorstand vor allem
bei Ausstellungen, beiden Richtungen gerecht wer-
den, damit die Vertreter beider Anschauungen inner-
halb des Werkbundes ihre Meinungen verfechten
können und nicht aus Verärgerung ausscheiden.

Wilhelm von Eiff, Stuttgart, erinnert
daran, daß in der Zeit der Gründung des Werkbun-
des der Jugendstil im Sterben lag und daß die Ent-
wicklung der Maschinenarbeit ihn vollends ausge-
schaltet habe. Die Architekten von heute dächten
zu sehr an die Maschine und hätten sich auf sie
eingestellt. Er wünscht, daß die Möglichkeiten der
Maschine auch für das Handwerk fruchtbar gemacht
werden. Handwerk oder Maschine sei keine Welt-
anschauungssache, aber man solle sich der künst-
lerischen Menschen des Handwerks wieder erinnern.

H. P. Eckart, Stuttgart: Es geht um einen
ganz neuen Stil. Die Natur kennt eigentlich keinen
Schmuck. Vielleicht kann die Zukunft, die der Ent-
materialisation, der Geistigkeit gehört, wieder ein
Ornament bringen, das tieferen Sinn besitzt.

Josef Frank, Wien, weist auf die Notwen-
digkeit hin, daß sich der Werkbund mit allen Pro-
blemen, die in sein Gebiet fallen, beschäftigt und
nicht einzelne herausgreift, denn dadurch wird der
Einfluß der Nichtkontrollierten, die aber tatsächlich
bestehen, immer größer und hindert den Erfolg.

Paepke, München: Es kommt mir als Wirt-
schaftler darauf an, herauszustellen, daß es für die
Interessen des Werkbundes nur förderlich sein kann,
wenn er sich an seine Satzungen hält, in denen es
heißt: „Der Zweck des Bundes ist die Veredelung
der gewerblichen Arbeit in Zusammenwirkung der

Kunst mit Industrie, Handel und Gewerbe." Von der
Wirtschaft wird ein folgerichtiges Zusammenarbei-
ten, ein Austausch der Erfahrungen vermißt, und
darauf sei die heutige einseitig extreme Einstel-
lung des Bundes zurückzuführen.

F. H. Ehmcke, München: Ein typisches Do-
kument für vieles Angreifbare heutiger offizieller
Werkbundarbeit ist der Führer der Pariser Ausstel-
lung. Bei sicherer raffinierter Beherrschung der
technischen Mittel, bei Betonung alles Mechanischen
und Funktionellen zeigt er Unsicherheit, ja völlige
Verirrung des Gefühls gegenüber dem Wesentlichen
der gestellten Aufgabe: würdigen Ausdruck zu
geben der formalen Einheit neuen gestaltenden Gei-
stes in Deutschland!

Paul Renner, München: Nicht alles, was
gemacht wird, ist zukunftsträchtig. Wir leben in
einem Interregnum der Zeiten und Stile. Es gilt nicht,
neue Formen zu finden, sondern bescheiden die Vor-
form eines neuen Stiles zu suchen, indem man zu-
nächst nicht von künstlerischen Erwägungen, son-
dern vom Werkbestand, vom Werkstoff, von Werk-
weise und Funktion ausgeht.

Walther Schmidt, München, führt, ent-
gegen der geschichtsmaterialistischen Ableitung aus
Zweck und Konstruktion, die neue Gestaltung auf
einen überpersönlichen Formwillen zurück und warnt
vor der Verquickung von Gestaltungsfragen mit
weltanschaulichen und politischen Richtungen.

Otto Neurath, Wien: Der Geschäftsmann
wurde unterbrochen. Die Debatte beherrschen die
Kunstgewerbeentwerfer. Das Publikum wird ver-
nachlässigt. Statt Qualität lernt es „Ethos des
Neuen". Glätte ist neues Stilornament. Lebensge-
staltung sei Ausgangspunkt: Erfolge würden zeigen
etwa eine Statistik der wirklichen Wohnung.

Rudolf Brüning, Düsseldorf, hält das Or-
nament für etwas Nebensächliches. Er bezieht sich
auf Frank und wünscht, daß der Werkbund den brei-
testen Gebieten Beachtung schenkt.

Paul Otto Sigmar-Sachsen: Die neue Sach-
lichkeit befriedigt uns innerlich nicht. Als Bauplasti-
ker bittet er, daß alle vorhandenen Kräfte Gelegen-
heit erhalten, mitzuschaffen am Gesicht unserer
Zeit. Er verliest Vorschläge von H. Heuß, Chemnitz,
den Vorstand um weniger extreme und unduldsame
Personen zu erweitern, für Köln konkretere Auf-
gaben zu stellen, an denen jeder mitarbeiten kann,
und an die irrationalen Kräfte auch des technisch
eingestellten Menschen zu denken.

Emil Lange. Breslau, führt aus: Bei Werk-
bundbauten überwiegt Formales bei Vernachlässi-
gung des Wirtschaftlichen, Konstruktiven und Or-
ganisatorischen, so entsteht Konstruktions-Orna-
mentik statt Zweckbau. Er wünscht Zusammen-
arbeit zwischen Zentrale und Landesgruppen. Das

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