Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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The greater part of this number is devoted to the theme "Typenwaren," that is, goods to type,
or Standard goods.

We have secured dissertations on this subject from contributors in various lands: France, Belgium, Eng-
land and America. We think that, taken as a whole, these various papers amount to an impressive de-
monstration of the value and importance of Standard goods. Instead of a paper on German goods ac-
cording to type, which we have often discussed in our magazine, we reproduce a series of photographs
which are intended to demonstrate the conception of the type or Standard product, from the handicraft
article to factory wares.

TYPENWARE IN FRANKREICH

ROGER GINSBURGER

Der unheilvolle Riß zwischen dem Entwerfenden
und der Industrie auf dem Gebiete des Gebrauchs-
gegenstandes ist vielleicht in Frankreich noch grö-
ßer als in Deutschland. Auf der einen Seite herrscht
die Übertreibung des Formalen als Selbstzweck, die
Vernachlässigung des Zweckdienlichen und beson-
ders der Material- und Herstellungsersparnisse. auf
der anderen Seite wird entweder die Form vollkom-
men vernachlässigt, indem irgendein Zeichner den
Teil eines Gegenstandes, der nicht durch den Zweck
oder die Konstruktion formal bestimmt wird, gedan-
kenlos hinzeichnet, oder sie wird als eine Haut be-
trachtet, die man beliebig ausstopfen und den Din-
gen überziehen kann.

Hie und da stößt man doch auch hier auf Dinge
wie Türgriffe im Metro, elektrische Schalter. Klapp-
stühle aus Metall, und andre Dinge, die von der
Industrie ohne formale Absicht hergestellt sind und
doch auch formal befriedigen, weil sie griffig sind
oder sauber gearbeitet und von einer geschlosse-
nen Form, an der man sich nicht verletzen kann und
die dem Herstellungsprozeß entspricht.

Bewußte Versuche, Typenmöbel herzustellen
außer den amerikanischen Büromöbeln und den aus
Blech gestanzten Lyoner Kaffeehausstühlen, die
man ineinander verschachtelt auftürmen kann, sind
von einheimischen Fabriken noch kaum gemacht
worden. Es gibt natürlich wie überall Zimmereinrich-
tungen, die in großer Auflage hergestellt werden,
doch sind das nicht Typenmöbel, denn sie sind nicht
eine möglichst gute, zweckentsprechende und billige
Lösung der Forderungen, welche den praktischen,
psychologischen und sozialen Bedürfnissen des heu-
tigen Menschen entsprechen, sondern nur die alte,
konventionelle, undurchprüfte Lösung in einer modi-
schen Form. Man nehme nur den Stuhl. Kein einzi-
ger der für den Hausgebrauch verkauften besitzt
eine Lehne, die zum Anlehnen gemacht ist. Alle

sind zu hoch, der Körper stützt sich auf den beiden
Spitzen der Schulterblätter ab statt auf der gan-
zen Fläche des Kreuzes unter den Schulterblät-
tern, und das Rückgrat biegt sich nach außen durch,
während die Brust sich eindrückt. Alle aber haben
ihre eigene Form, die einen sind abgetreppt und mit
Intarsien versehen, andere haben profilierte Rillen,
andere sind oval oder dreieckig.

Internationale Firmen wie Thonet haben auch hier
ihre Verkaufsfiliale und sogar eine eigene lokale
Werkstatt. Sie haben in der letzten Zeit Stahlmöbel
von Le Corbusier, Jeanneret und Charlotte Perriand
herausgebracht und auch Modelle von anderen hie-
sigen Architekten angekauft. Die ebenfalls inter-
nationale Firma „Innovation" hat schon seit einigen
Jahren einen ziemlich praktisch nach der Art der
großen Kabinenkoffer aufgeteilten Schrank in den
Handel gebracht, der aber äußerlich noch einige
Zierversuche aufweist.

Es wird noch eine Zeitlang dauern, bis die Indu-
strien, die Gebrauchsgegenstände herstellen, wel-
che das Publikum nicht nur mit seinem Verstand,
sondern auch mit seinem Geschmack beurteilt, gute
Typenware herstellen werden. Die wenigsten er-
kennen überhaupt, wie weit sie von der Arbeitsweise
der anderen Industrien entfernt sind, welche einen
Standard immer wieder überprüfen, um zu sehen, ob
man ihn nicht verbessern oder durch eine der Funk-
tion nicht schadende Veränderung die Herstellungs-
kosten herabsetzen kann. Die Angst vor dem Ge-
schmack des Käufers ist die stärkste Hemmung
einer gesunden Entwicklung in diesen Industrien.

Die ausländische Konkurrenz, vielleicht auch eine
Ausstellung wie die des Werkbundes, wird hoffent-
lich manchem Entwerfenden zeigen, wie sterii
die reinen Formspielereien sind, und manchem
Fabrikanten, in welcher Richtung er sich umstel-
len muß.

IL FAUT CHOISIR!

OBJET D'ART OU OBJET D'USAGE?

ROGER GINSBURGER, PARIS

Pendant que j'ecris ces lignes, quelques centaines
de caisses nous arrivent d'Allemagne: le « Werk-
bund » expose au Salon des Artistes Decorateurs.
Que contiennent ces caisses? Des ensembles
luxueux destines ä quelque prince exotique. ä quel-
que dictateur d'industrie? Des idees originales de
decoration? Des ornements inedits? — Rien de

tout cela, mais des objets d'usage courant fabriques
en serie pour le grand public.

Connaissant depuis longtemps l'effort du Werkbund
et l'interet qu'il porte ä la production d'objets-types
bien plus qu'ä celle d'objets le luxe, pieces uniques
et bibelots, je me demande avec curiosite quelle sera
la reaction du public francais devant cette expo-

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