Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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Schmuck oder als Schmuckersatz anerkennen oder
tragen würd:e. Mir ist manchmal gesagt worden,
daß unsere Armut die Verwendung von Schmuck an
Bauwerken nicht zulasse, und daß außerdem alle
Formen der Maschinenarbeit angepaßt sein müßten.
Hiergegen ist anzuführen, daß das als Schmuck-
ersatz oft benutzte, auffallend und reklamehaft
erscheinende Material, das noch dazu aus dem Aus-
land bezogen werden muß, viel teurer ist als ein
guter Schmuck. Auch die zweite Begründung der
Schmucklosigkeit, die einzelnen Formen — beson-
ders bei Eisenarbeiten — denjenigen der Maschi-
nenarbeit anzupassen, kann nicht als berechtigt an-
erkannt werden. Niemand kann daran denken, die
Maschinenarbeit zu verdrängen, ihre Äußerlichkeiten
aber gewaltsam nachzuahmen, dürfte den Zielen des
DWB nicht entsprechen, der das Vortäuschen auf
allen Gebieten als verwerflich abgelehnt hat. Als
Fachmann auf meinem Spezialgebiet möchte ich
darauf hinweisen, daß Gitterarbeiten und auch die
den Gefängnisgittern ähnlichen Stabgitter reine
Handarbeit sind: es kann nicht als sachlich und als
im Sinne unserer Zeit bezeichnet werden, dieser
Handarbeit geflissentlich das Aussehen der Maschi-

nenarbeit zu geben. Wenn die Formen technisch
richtig und zum Ganzen passend entwickelt werden,
könnten geschmiedete Gitter gerade den glatten
Hausfassaden ganz von selbst zum natürlichen
Schmuck gereichen und ihnen besonderen Reiz
verleihen.

Bei den im Oktober dieses Jahres in Stuttgart
stattfindenden Beratungen wird voraussichtlich von
anderen Seiten ausführlich Stellung zu dieser Frage
genommen werden, und es wird zu prüfen sein, wie
weit und mit welchen Mitteln der DWB hierbei Ein-
fluß ausüben will und kann. Der DWB will ja alle
selbständig schaffenden Kräfte zusammenfassen,
und es müssen Wege gefunden werden, daß auch
diejenigen in ausreichender Weise zu Worte kom-
men, die jede Mode ablehnen und sich bei ihren Ar-
beiten nur leiten lassen von der Absicht, diese so
zweckmäßig wie möglich, so gut wie möglich und so
schön wie möglich zu gestalten. In diesem Sinne
entwickelte Arbeiten entsprechen von selbst dem
Zeitgeschmack, sie sind unabhängig von der schnell
wechselnden Mode, und der Umstand, daß es für das
Schöne keine Vorschriften gibt, macht das ängst-
liche Bestreben nach Eigenart überflüssig.

BAUPOLITIK UND BAUWIRTSCHAFT

Reorganisierte RFG.

Die Mitteilungen über die Neuorganisation der
RFG, die als bekannt vorausgesetzt werden können,
darf man wohl als den Beginn einer neuen Ära in
der Arbeit der Gesellschaft betrachten. Insbeson-
dere ist erfreulich, daß Otto Haesler, Celle, als
einer der drei sachverständigen Berater berufen
worden ist, und daß der Verwaltungsrat, entgegen
der früheren Praxis, Beihilfen zur Förderung von
Forschungssiedlungen nicht mehr zu geben beab-
sichtigt. Auch daß die Arbeitsausschüsse, die oft
mehr hindernd als fördernd gewirkt haben, in Zu-
kunft nur noch ausnahmsweise einberufen werden
sollen, kann als Fortschritt gelten. Damit und mit
der Beseitigung des Beirats ist die Organisation,
deren Aufblähung an dieser Stelle vielfach kritisiert
worden ist, auf einen rationellen Umfang zurückge-
führt. Nicht ganz befriedigend erscheint noch die
innere Verteilung der Gewichte und Zuständigkeiten
für die Forschungsarbeit, ferner die Sicherung so-
wohl des wissenschaftlichen Charakters als auch
der Zweckbestimmtheit dieser Arbeit, schließlich die
Formulierung der Aufgabe der Gesellschaft in § 1
der neuen Satzung.

Für diesmal nur zu dem letzten Punkt: die RFG
„hat den Zweck, die technischen und wirtschaft-
lichen Möglichkeiten von Verbesserungen und Ver-
billigungen im Bau- und Wohnungswesen im Zusam-
menwirken mit der Bauwirtschaft und der Bauwis-
senschaft zu erforschen .. Das ist doch wohl zu
eng. Wenn man die Verbilligungen auf das beschrän-
ken will, wobei Bauwirtschaft: und Bauwissenschaft
mitwirken können, so wird man wichtigste Faktoren
beiseite lassen: weder die Arbeitsmarktpolitik, noch
das Kartellwesen, noch die Preisbildung der Bau-
stoffe, noch die Finanzierungsfragen sind Zweige
der Bauwissenschaft. Dies alles sind Fragen der
praktischen Nationalökonomie, und ohne die Mitwir-
kung dieser Wissenschaft kann die RFG nicht zum
Ziel kommen.

Die V e r b i 11 i g u n g s a k t i o n.

Von vornherein bestand die Besorgnis, das Ar-
beitsbeschaffungsprogramm der Regierung auf dem
Gebiet des Wohnungsbaues werde, wie es solche
Programme nun einmal an sich haben, der gleich-
zeitig erstrebten Verbilligung am Markte der Bau-
stoffe entgegenwirken. Amtlich wurde uns Anfang
des Monats erklärt, es sei gelungen, diese Besorg-
nis gegenstandslos zu machen. Sichtbar ist der Er-
folg allerdings nur auf zwei Gebieten geworden,
beim Zement und beim Linoleum. Und ob der Grad
der Preisermäßigung hier das Maß erreicht hat, das
in der gegenwärtigen Krise sich etwa am freien
Markt im Konkurrenzkampf durchgesetzt hätte, wird
man doch bezweifeln dürfen.

Auf anderen Gebieten hat man überhaupt gar
nicht erst angefangen. Die Erörterungen im Reichs-
wirtschaftsrat haben nur sehr akademischen Wert.
Der Reichswirtschaftsrat ist eine Körperschaft, die
sich in gewisser Weise mit der RFG, wie sie vor
ihrer Reorganisation war, in Parallele stellen läßt.
In ihm waltet der Sachverstand der Interessenten,
und je einmütiger seine Entschließungen sind, desto
sicherer kann man damit rechnen, daß Vordersatz
und Nachsatz einander aufheben und das Resultat
annähernd gleich Null ist. Es sei daher wiederholt:
die Prüfung der Kostenfragen und der Verbilligungs-
möglichkeiten gehört in eine unabhängige wissen-
schaftlich arbeitende Körperschaft, gehört mit ande-
ren Worten in die RFG; allerdings müssen dazu ihr
satzungsmäßiger Zweck und ihr Sachverständigen-
apparat eine Erweiterung erfahren.

Alexander Schwab

Mitarbeiter dieses Heftes:

Dr. Justus Bier, Schriftsteller, künstlerischer Leiter der Kestner-

Gesellschaft e.V., Hannover

Virgil Bierbauer, Architekt, Budapest

Dr. Adolf Behne, Schriftsteller, Berlin

Julius Schramm, Kunstschmiedemeister, Berlin

Dr. Alexander Schwab, Volkswirtschaftlicher Schriftsteller, Berlin

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