Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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den sind. Vielen Malern und Maurermeistern aber,
die nicht so sicher gehen und die doch ihren Auftrag-
gebern eine gute und auch ansprechende Leistung
bieten wollen, werden die beiden Farbkarten sehr
wahrscheinlich in zahllosen Fällen von Nutzen sein."

Wo in der Industrie genormt worden ist, hat man
nicht neue Dinge geschaffen, sondern aus Vorhan-
denem soviel Größen und Arten ausgewählt, wie
unbedingt notwendig sind. Eine Normung der An-
strichfarben kann auch nicht mathematisch vor
sich gehen, sondern von den Tönen, die am meisten

verlangt werden, müssen die wichtigsten herausge-
griffen werden. Nichts anderes ist hier geschehen.
Wer nach Amsterdam kommt, dem wird auffallen,
daß die Farben der Reklameschilder in den Straßen
andere sind wie bei uns und daß bestimmte Farbtöne
selbst bei diesem modernen Objekt immer wieder-
kehren. Es scheint also tatsächlich auch dort in
der modernen Großstadt noch eine landschaftliche
Bindung an Farben vorzuliegen. Möglich, daß diese
Erscheinung ebenso verschwinden wird wie die hei-
mische Bauweise. W. Lötz

BAUPOLITIK UND BAUWIRTSCHAFT

ALEXANDER SCHWAB

Offizielle Stimmen.

Es ist hier nicht der Platz, auf die zahlreichen und
ausführlichen Berichte und Kundgebungen einzu-
gehen, die in den letzten vier Wochen sich mit der
Bauwirtschaft beschäftigt haben. Es sei nur an
die wichtigsten Dokumente erinnert, die jeder Be-
teiligte selbst lesen muß: den Bericht der Bau- und
Bodenbank und die Leitsätze des Reichswirtschafts-
rates. Hierzu kommen noch die offiziösen Mitteilun-
gen der Regierung über ihr Arbeitsbeschaffungspro-
gramm, insbesondere über die Kleinwohnungen, die
vom Reich mit 100 Millionen besonderer Mittel be-
zuschußt werden sollen; bekanntlich ist hierfür ein
Auslandskredit für die ersten Hypotheken aufgenom-
men worden.

Setzt man dies alles in der Hauptsache als be-
kannt voraus, so bleibt übrig, einige kritische Bemer-
kungen auszusprechen.

Das bedeutsamste unter den genannten Doku-
menten scheint uns der Bericht der Bau- und Boden-
bank zu sein. Er spricht aus: „Es müssen, um die
notwendige Nachfrage (gemeint ist: die wirksame
Nachfrage. A. S.) nach Wohnungen in den Kreisen
der minderbemittelten Bevölkerung wieder herzu-
stellen, Mieten von 25 bis 45 Mark im Monat erreicht
werden." Dieser Fundamentalsatz ist ja auch vom
Reichsarbeitsministerium anerkannt. Weniger deut-
lich spricht sich der Reichswirtschaftsrat aus. der
ja seiner ganzen Struktur nach auf pflaumenweichen
Ausgleich eingestellt ist: er begnügt sich mit der
Feststellung, daß „der Unterschied zwischen Alt-
und Neubaumieten durch Senkung der Neubaumieten
und entsprechende Erhöhung der Altbaumieten zu
verringern" ist.

Vielleicht wäre hierbei zu fragen, ob man gegen-
wärtig, in einem Zeitpunkt weltwirtschaftlicher Kri-
sis, verschärfter deutscher Krisis, allgemeiner Sen-
kung der Warenpreise und eines Angriffs auf das
Lohnniveau auf der ganzen Front im Ernst von einer
„entsprechenden" (wem entsprechenden?) Erhöhung
der Altbaumieten reden kann. Aber auch hiervon ab-
gesehen, bleiben zwei Probleme unbeachtet.

Neubauwohnungen als Ladenhüter?

Das eine Problem wird klar, wenn man an die Tau-
sende von Wohnungen mit 3y« und 4*J% Zimmern
denkt, die bisher unter der Herrschaft der Hauszins-
steuer errichtet wurden und von denen sich heraus-
stellt, daß sie zum Teil — wenigstens in einzelnen

Städten — schon überzählig am Markt sind und in
Gefahr kommen, unabsetzbare Ladenhüter zu wer-
den. Das Problem ist begrenzt, und die Verluste, die
einzelnen beteiligten Gemeinden drohen mögen,
wären für die Volkswirtschaft im ganzen tragbar,
wenngleich in der allgemeinen Krise recht peinlich.
Aber der Aspekt wird bedenklicher, wenn man die
Möglichkeit einer allgemeineren, durchgreifenden
Verbilligung der Kosten und daher auch der Mieten
von Neubauwohnungen ins Auge faßt, einer Verbilli-
gung, die sich nicht auf die vom Arbeitsminister vor-
geschriebene Form der Einfachst-Wohnung be-
schränkt. Rechnet man mit einer solchen Entwick-
lung, wie sie ja auch der Reichswirtschaftsrat for-
dert, so sieht man den Tag herannahen, wo — bei
sinkender Zahl der Familiengründungen infolge des
Ausfalls der Kriegsjahrgänge — in größerem Um-
fang die Neubauten der letzten Jahre unvermiet-
bar werden. Man mag geneigt sein, auch die
Konsequenzen einer solchen Lage mit einiger
Ruhe anzusehen. Aber man wird sich doch
eingestehen müssen, daß andere Leute solchen Per-
spektiven mit wesentlich anderen Gefühlen gegen-
überstehen, und daß diese Gefühle jetzt schon ihre
Wirkung auf die Wohnungsbaupolitik ausüben wer-
den. Mit anderen Worten: Niemand kann es den
Interessenten hoher Mieten, sei es in Alt- oder in
Neubauten, verdenken, wenn sie einer wirklich er-
folgreichen Kostensenkung im allgemeinen Woh-
nungsbau mit allen Mitteln entgegenwirken, eben
weil sie eine Minderung ihrer Besitzwerte befürch-
ten und zu vermeiden suchen. Die Tagung der Haus-
und Grundbesitzer hat das erst vor kurzem mit der
erfreulichen Offenheit, die diese Gruppe von jeher
auszeichnet, zu erkennen gegeben.

Das Risiko der Arbeiterwohnung.

Das allgemeine und kaum lösbare Problem aber,
das in den Verlautbarungen der letzten Zeit mit
Schweigen übergangen wurde, ist das des Risikos
der künftigen Arbeiterwohnung. Diese Frage wird
erst dann ganz klar, wenn man sie betrachtet unter
dem Gesichtspunkt der Hoffnung auf eine Wieder-
kehr „normaler" Verhältnisse. Solche „normalen"
Verhältnisse würden so aussehen, daß — u. a. — die
Finanzierung von Wohnungsbauten in der Regel aus
dem privaten anlagesuchenden Kapital erfolgt und
daß das „Zinshaus", wie d<er bezeichnende .Aus-
druck lautet, die Verzinsung der Hypotheken und

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