Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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ZUM NEUEN JAHRGANG

WALTER RIEZLER

Wenn wir diesen Jahrgang mit einem Aufsatz
über die Frage des Waisenhauses eröffnen und
im gleichen Heft auch noch über die Volkshoch-
schule und einige andere verwandte Fragen re-
den, so bedeutet das keine Änderung, höchstens
eine Erweiterung, besser gesagt, eine Verdeut-
lichung und zugleich Vertiefung unseres Pro-
gramms. Immer schon wollten wir den Begriff
„Form" verstanden haben als Ausdruck der inne-
ren Kräfte, die die Gegenwart beseelen, also
nicht als eine reine Angelegenheit der ästheti-
schen Überlegung. Und je weiter wir auf diesem
Wege fortschreiten — dessen einzelne Etappen
nicht immer gleich deutlich sein können, da ge-
rade in unserer Zeitschrift auch die aktuelle Be-
richterstattung in Wort und Bild ihre Bedeutung
hat und bald mehr, bald minder deutlich zur Er-
örterung der Probleme beitragen kann —, desto
wichtiger wird es, sich auch um die Aufdeckung
der Wurzeln zu bemühen, aus denen die „Form''
erwächst. Daß zu diesen Wurzeln auch die gan-
zen Fragen der Erziehung gehören, bedarf keiner
Worte, und deshalb dürfen wir auch da von die-
sen Fragen reden, wo, wie beim Waisenhause,
eine sichtbare neue Form noch nicht vorhanden
ist, oder wo, wie bei der Volkshochschule, eben
erst die ersten Ansätze zu einer eigenen Form-
bildung sichtbar werden. Nicht überall auf die-
sem Gebiete ist unsere Zeit schon so weit, wie
wir es vor kurzem bei der Betrachtung des Bart-
ningschen Musikheims in Frankfurt a. O. für die
neue Idee der pädagogischen Akademie aufzei-
gen konnten. Doch soll es keineswegs als Not-
behelf gelten, wenn in dem Aufsatz über das

Waisenhaus so viel von vergangenen Lösungen
die Rede ist: vielmehr werden wir ganz allge-
mein von Zeit zu Zeit auch Betrachtungen der
Vergangenheit Raum gönnen, — nicht um der
Gegenwart Vorbilder zur Nachahmung hinzustel-
len, sondern um aus dem deutlicher überschau-
baren Fernbilde des Vergangenen Klarheit der
Erkenntnis zu gewinnen, warum heute fast alle
neuen Gestaltungen so anders aussehen, aus-
sehen müssen wie das, was früher war, —
wenn nicht gerade, in sehr seltenen Fällen,
ein ..ewiges" Gesetz die Gleichheit notwendig
macht.

In dem neuen Russenfilm, von dem wir ein
paar Bilder zeigen, steht der Bauer erschüttert
und erstaunt, nicht begreifend vor den seltsamen
Gebilden der neuen Welt, in der er nun leben
muß, in der er als der alte Mensch vielleicht
nicht leben kann. Bei uns scheint es so etwas
nicht zu geben: wir wachsen langsam hinein in
die neue Welt und glauben sie zu begreifen.
Aber vielleicht irren wir, vielleicht begreifen wir
nur die Oberfläche, und gibt es deshalb noch
so viele Scheinform, so viele „Lösungen", die
in Wirklichkeit keine sind. Vielleicht wäre es
besser, wir empfänden wie jener Russe, — und
fänden aber daraus auch die Kraft, zu den For-
mungen zu gelangen, die uns gemäß und der
Größe des geschichtlichen Augenblicks würdig
sind. Dahin die Wege zu weisen, das halten wir,
in aller Bescheidenheit und mit allen Einschrän-
kungen, die in der Natur einer Zeitschrift be-
gründet sind, nach wie vor, mehr als je für die
wesentlichste Aufgabe, die der Form gestellt ist.

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