Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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DAS KUNSTGEWERBE HEUTE UND MORGEN

W. RIEZLER

Das moderne Kunstgewerbe ist seit einiger
Zeit in eine Verteidigungsstellung gedrängt. Die
Zahl der Gegner oder derjenigen, die ihm eine
Bedeutung innerhalb der neuen Gestaltungsten-
denzen absprechen, wächst von Jahr zu Jahr,
und auf manchen Gebieten des kunstgewerb-
lichen Schaffens kann man auch bereits deutlich
feststellen, daß das Bedürfnis — das wenigstens
bis zu einem gewissen Grade ein Maßstab für die
innere Lebenskraft einer Produktion ist — ab-
nimmt. Das Kunstgewerbe ist bereits heute aus
manchen Provinzen, die es noch vor kurzem zu
beherrschen glaubte, etwa aus dem Gebiete der
Leuchten, verdrängt und man kann sich schwer
vorstellen, daß es ihm je gelingen könnte, diese
Gebiete zurückzuerobern.

Der Angriff erfolgt natürlich von Seiten der Ma-
schine. Und zwar ist es nicht etwa nur der wirt-
schaftliche Grund der größeren Billigkeit, der die
Maschinenarbeit bevorzugen läßt, sondern auch
eine geistige Hinneigung zu den Formen, die die
Maschine hervorbringt und die ihr echt gemäß
sind. Man liebt nun einmal heute die Exaktheit,
die Unpersönlichkeit der Form und genießt auch
den stofflichen Reiz der Maschinenarbeit, der
zu dem früher so bevorzugten Reiz der Hand-
arbeit im schärfsten Gegensatze steht, der also
gerade in dem Fehlen aller Spuren des Werk-
zeugs und der in freiem Rhythmus schaffenden
Hand beruht. Es ist ein Übergreifen der „tech-
nischen Form" auf Gebiete, die ursprünglich
nicht zu dem Bereich der Technik gehörten und
die sie nur deshalb sozusagen geistig erobern
konnte, weil der technischen Form ein ganz be-
stimmtes geistiges Prinzip zugrunde liegt, das
für unser gesamtes Leben eine viel größere Be-
deutung hat, als den meisten bis jetzt bewußt ge-
worden ist. Wäre die technische — oder „tech-
noide" — Form nur das Ergebnis eines durch
wirtschaftliche Gründe erzwungenen Rationali-
sierungsprozesses, so würde sie immer als ein
Notbehelf empfunden werden, dem man in dem
Augenblick auszuweichen sucht, da keine Ver-
anlassung zum „Sparen" besteht. In Wirklich-
keit gibt es aber auch innerhalb dieser techni-
schen und technoiden Form das, was man
„Luxus" nennt, d. h. das Bedürfnis nach einem
über die reine Erfüllung des Zweckes hinaus-
gehenden „Mehrwert", und es läßt sich daher
sehr wohl hören, wenn W. Lötz in einem Aufsatz
der „Form" im letzten Jahrgang (Seite 185) in

diesen technisch oder technoid bis zur letzten
Verfeinerung durchformten Dingen, nach denen
der Luxus unserer Zeit verlangt, das eigentliche
„Kunstgewerbe" unserer Zeit erblickt.

Nun gibt es aber, wie dieses Heft beweist und
wie man es vor einiger Zeit in viel größerem Um-
fange auf einer Ausstellung der Mannheimer
Kunsthalle sehen konnte*), auch noch ein ande-
res Kunstgewerbe, das im schärfsten Gegen-
satz zur „technischen Form" alle Zeichen hand-
werklicher Entstehung zeigt. Nicht nur in Wien,
wo der alte Sinn für graziöses Formenspiel
immer noch nicht ausgestorben ist, sondern auch
im Reich und sonst fast überall in Europa. Und
wenn man vielleicht sagen kann, daß das neue
Wiener Kunstgewerbe eine Sache für sich ist,
— eine Besonderheit, die fast fremd in unserer
Zeit steht und sich auch nur an einen ganz be-
stimmten Kreis von „Verbrauchern" richtet, so
gilt das gleiche keineswegs für das gesamte
übrige heutige Kunstgewerbe, das wenigstens
zum Teil mit den anderen Bestrebungen einer
neuen Gestaltung eng zusammenhängt. Dies gilt
vor allem für die Handweberei, die nicht nur
immer noch lebt, sondern sogar einen neuen
Aufschwung zu nehmen scheint, und für das
weite Gebiet der Keramik, wo die Bemühungen
um die Wiederbelebung alter handwerklicher
Techniken und um deren Auswertung im Dienste
des neuen Formgefühls noch keineswegs zum
Abschluß gekommen sind. Auch Glas, Metall und
Email sind noch Gegenstand handwerklicher
Kunstübung, und man kann nicht sagen, daß die
formale Anregungskraft dieser Stoffe schon er-
schöpft wäre. Im Gegenteil ist deutlich zu sehen,
wie auf allen diesen Gebieten sich eine ganz
bestimmte Gestaltungstendenz gerade in den
letzten Jahren mit immer größerer Einheitlich-
keit durchsetzt: von der persönlich-bewußten,
auf Originalität erpichten Form der Zeit unmittel-
bar vor dem Kriege ist wenig mehr zu spüren.
Die Formen gehen ins Allgemeine, Überpersön-
liche, und stehen in dieser Hinsicht nicht im
Widerspruch zu den technischen und technoiden
Formen; sie entstammen wie diese einem Zeit-
gefühl, für das die Einzelpersönlichkeit hin-
ter den überpersönlichen Mächten immer mehr
verschwindet. Sonst aber stehen sie allerdings

*) Anm. Die wichtigsten Stücke dieser Ausstellung wird G. F. Hartlaub
in einem bald erscheinenden Werkbundbuch „Das ewige Handwerk''
veröffentlichen.

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