Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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DIE MITARBEIT DES KÜNSTLERS
AM INDUSTRIELLEN ERZEUGNIS

Wir haben in dieser Zeitschrift, vor allem in
der letzten Zeit, der Frage der technischen Ge-
staltung besondere Aufmerksamkeit gewidmet,
und in Diskussionen und Sonderheften wurden
immer wieder Teilgebiete und Einzelfragen dieses
zentralen Themas unserer Zeit erörtert. Wenn
wir von Fall zu Fall Einzelhefte mit einem be-
stimmten Thema zusammenstellen, so sollen da-
mit die Fragen für uns nicht abgeschlossen, son-
dern erst aufgeschlossen werden, um immer wie-
der auf sie zurückgreifen zu können. Eine Zeit-
schrift soll nicht eine Serie von Einzelheften dar-
stellen wie eine Bücherserie, sondern soll immer
von neuem gleiche und ähnliche Fragen behan-
deln und dabei in fortwährender Berührung mit
Entwicklung und Leben bleiben. Das ist der
große Vorteil einer Zeitschrift, besonders in einer
Zeit, wie der unseren, in der ständig neue Fragen
und neue Gesichtspunkte auftauchen.

Wenn wir in diesem Heft von der Mitarbeit
des Künstlers in der Industrie sprechen wollen,
so möchten wir in erster Linie das als einen Teil-
beitrag zu dem Thema der technischen Gestal-
tung angesehen wissen, denn wir wollen weniger
von kunstindustriellen Erzeugnissen sprechen,
als vom modernen Gebrauchsgegenstand. Mit
dieser Frage greifen wir das allererste Thema
der Werkbundarbeit wieder auf, denn der Deut-
sche Werkbund entstand im wesentlichen aus
dem Glauben heraus, daß man der Industrie und
dem Handwerk eine neue zeitverbundenere Basis
geben könne, wenn man den Künstler mit ihnen
zusammenbringt und ihre Gestaltung mit künst-
lerischen Gesichtspunkten durchsetzt. Teils be-
gründete man das mit dem kulturellen Gewissen,
teils, wie etwa Friedrich Naumann, mit national-
wirtschaftlichen und sozialethischen Gesichts-
Punkten.

Wenn wir heute diese Frage prüfen, so wird
sich ganz deutlich zeigen, daß wir über die Frage
der Mitarbeit des Künstlers am industriellen Er-
zeugnis ganz anders denken und daß die Werk-
bundideen in Anlehnung an die gesamte geistige
Entwicklung und in Erkenntnis der tatsächlichen
Entwicklung Wandlungen durchgemacht haben,
die für diese Ideen und für ihre Lebendigkeit
sprechen.

Die Frage, die hier behandelt werden soll, hat
ein ganz unmittelbar praktisches, geradezu so-
zialwirtschaftliches Interesse und nicht nur das
theoretische klarzulegen, wie unsere Vorstellun-
gen und Erkenntnisse mit der neuen Welt der
Technik sich auseinanderzusetzen. Denken wir
daran, daß die Kunstgewerbeschulen gegen die
Akademien ausgespielt wurden, weil man glaubte,
hier eine wirtschaftlich gesicherte Schicht von
Künstlern erziehen zu können. Man gebrauchte oft
den Ausdruck Künstlerproletariat. Heute können
wir beinahe in ähnlichem Sinne schon von einem
Kunstgewerblerproletariat reden, und so haben
sich in den letzten Jahren schulmäßige Institu-
tionen gebildet, die künstlerische Mitarbeiter für
die Industrie heranziehen wollen. Am konse-
quentesten ist die Arbeit des Bauhauses auf
dieses Ziel eingestellt. Ohne etwas gegen die
praktische Arbeit in diesen Schulen sagen zu
wollen, muß doch in Frage gestellt werden, ob
die Zielsetzung, künstlerische Mitarbeiter für die
Industrie heranzuziehen, in den meisten In-
dustriezweigen einem tatsächlich vorhandenen
Bedürfnis entspricht. So begrüßenswert es
wäre, wenn Menschen, die in dieser Art ausge-
bildet sind, in der Industrie eingesetzt würden,
so müßte doch rein praktisch einmal untersucht
werden, wie stark die Nachfrage bei der Industrie
ist und ob sie stärker werden kann. Man ver-
läßt sich sicher darauf, daß die praktische Ar-
beit der Schulen die Industrie zum Aufhorchen
und zur Überlegung führen wird. Ob man damit
recht behält, wird die Zukunft lehren.

Es kommt eine weitere Schwierigkeit hinzu.
Nach unseren Kenntnissen ist es bisher so ge-
wesen, daß die Schüler in der Kollektivarbeit in
den Schulen, wo sie ständig frisch von Ideen
durchsetzt werden, wohl sehr gute Dinge zu lei-
sten imstande sind, die auch für die Industrie
brauchbar sind. Sobald diese Schüler dann in
die Industrie eintreten, leisten sie anfänglich
recht viel, aber dann tritt das Erbe, das ihnen
die Schule mitgegeben hat, immer mehr und mehr
zurück, sie gewöhnen sich an Kompromisse und
an Tagesmoden. In dem Augenblick, wo dieser
künstlerische Mitarbeiter willigstes Instrument
geworden ist, bedeutet seine Arbeit nicht mehr

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