Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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EINE APOLOGIE DER KUNSTHOCHSCHULE

WALT ER RIEZLER

Bei den Angriffen auf das Kunstschulwesen, die
seit Jahrzehnten kaum zur Ruhe kommen, ist es,
trotz manchem Wechsel des Angriffsziels, keiner
Schulart so schlecht gegangen wie der Akademie.
Eine Zeitlang haben nicht einmal diejenigen ech-
ten Künstler, die zugleich Akademieprofessoren
waren, gewagt, die Einrichtung ernsthaft zu vertei-
digen, und außerhalb gab es nur Feinde: sogar ein
so wenig „revolutionärer" Künstler wie Adolf Hilde-
brand war entschiedenster Gegner der Akademie,
und es schien, als sei deren Schicksal besiegelt.
Erst mit dem allmählichen Erstarken der Kunstge-
werbeschulen wuchs auf der anderen Seite wieder
der Wille zur Selbstbehauptung. Der große Kampf,
der dann zwischen den beiden Kunstschultypen ent-
brannte, nahm bekanntlich an verschiedenen Orten
ein verschiedenes Ende. Aber auch da, wo die Aka-
demie äußerlich gesiegt hatte, war die Lage keines-
wegs endgültig geklärt: während die anderen Schu-
len, die reinen Kunstgewerbeschulen sowohl wie die
gemischten oder die ganz einheitlich und radikal
aufgebauten in Programmen und durch Taten für
ihre Geltung kämpften, blieb der Akademie alten
Stiles im Grunde nur hochmütige, oft nicht gerade
sympathisch kundgegebene Ablehnung jener An-
sprüche und allerdings der da und dort gelungene
Beweis, daß ein malerisches oder bildhauerisches
Talent auch auf der Akademie durch die Lehre eines
erfahrenen und gereiften Künstlers sehr wohl ge-
fördert werden könne.

Nun erscheint aber ein Buch, in dem zum ersten
Male der Versuch gemacht wird, nicht in der Form
einer für Behörden oder die Presse bestimmten
„Denkschrift" die Daseinsberechtigung der Akade-
mie zu beweisen, sondern in aller Ernsthaftigkeit
und Gründlichkeit die „Idee" der Akademie heraus-
zuarbeiten. Dieses Buch heißt „Die Kunsthoch-
schule" und ist im Auftrage des Direktors der
Düsseldorfer Kunstakademie Dr. Kaesbach von dem
dort tätigen Professor Lothar v. Kunowski
geschrieben worden. Kunowski, der lange Jahre
eine sehr erfolgreiche Kunstschule geleitet hat, tritt
damit meines Wissens seit langem zum ersten Male
wieder als Schriftsteller auf, nachdem er in seiner
Jugend eine ganze Reihe von ideen-, noch mehr
wortreichen Büchern über Kunst- und Kulturfragen
veröffentlicht hatte. Das in der Druckerei der Düs-
seldorfer Akademie gedruckte Buch tritt mit einer
gewissen Feierlichkeit auf, die durch die äußere
Form noch unterstrichen wird, für die Ernst Auf-
seeser verantwortlich ist: die ungewöhnlich lan-
gen, ganz eng gestellten Zeilen einer fetten Gro-
teskschrift lassen sich, fast wie eine in Stein ge-
meißelte monumentale römische Inschrift, nur ganz
langsam lesen. Es will schon etwas heißen, daß man
es trotzdem mit einer gewissen Spannung liest, und

daß wenigstens einzelne Abschnitte die durch die
äußere Form geweckte Erwartung nicht enttäuschen.
Es finden sich glänzende Formulierungen, und das
Ganze steht auf einer Höhe der geistigen Bildung,
die heute nicht mehr gewöhnlich ist.

Die reale Grundlage des Buches ist der beson-
dere Fall der Düsseldorfer Akademie, die ja heute
nicht mehr den reinen „hohen" Begriff der alten
Akademie darstellt, sondern bei ihrer Neuorganisa-
tion einige Klassen, die sonst zum Gebiet der Kunst-
gewerbeschulen gehören, vor allem Schriftkunst. Ge-
brauchsgrafik und Werbekunst, und Bühnengestal-
tung in ihren Lehrplan aufgenommen hat, und die
auch der Baukunst eine an dieser Stelle ganz unge-
wöhnliche Bedeutung einräumt. Trotzdem ist der
Zusammenhang mit der alten „Akademie" in der zen-
tralen Stellung der „freien" bildenden Kunst noch
deutlich genug zu erkennen, die Anstalt also nichts
weniger als eine aus den Forderungen der „Neuen
Zeit" von Grund auf neugestaltete Kunstschule.
Es bricht daher auch das Buch die Brücken zur Ver-
gangenheit, zur „Tradition" keineswegs ab und ver-
meidet es sehr deutlich, sich auf irgendeine der den
Tag beherrschenden Richtungen und Ideen allzu-
stark festzulegen. Es setzt sich sogar an zwei Stel-
len ausführlich und grundsätzlich mit der so stark
in der Vergangenheit wurzelnden Kunstlehre Adolf
Hildebrands auseinander, und zwar so, daß das
Recht auf seiner Seite ist: dem „ewigen Reliefge-
setz", das nach Hildebrand die gesamte Plastik be-
herrschen soll, setzt er die schon durch die Ägyp-
ter vorgezeigte Möglichkeit einer rein kubischen
Gestaltung, der aus den Forderungen des ruhig
schauenden Auges entstammenden Bildform der Re-
naissance ganz andere Möglichkeiten einer freien
Bildgestaltung, eines ganz neuen Verhältnisses zur
Bildebene entgegen. Schon hier wird deutlich, daß
Kunowski zwar die gründliche Betrachtung alter
Kunst keineswegs aus der Kunstschule verdammt
wissen will, aber dabei nicht etwa reaktionär im
Sinne der alten Akademie ist, sondern sehr wohl
an neue Möglichkeiten der bildenden Kunst glaubt,
ja sogar von der Notwendigkeit einer neuen An-
schauung überzeugt ist. Freilich steht für ihn immer
noch die Naturanschauung im Mittelpunkt, und ist
die „freie" Kunst des Bildes und der Statue für ihn,
sehr im Gegensatz zu vielen anderen Kunstschul-
theorien von heute, immer noch der Gipfel. Aber
daneben steht dann doch auch wieder die Uberzeu-
gung von der Notwendigkeit eingehendsten und
ganz neu zu begründenden Studiums der Architek-
tur, von der besonders ausführlich und wirklich mit
sehr weitem Horizont geredet wfrd.

Zwei sehr bedeutsame Gedanken beherrschen
das ganze Buch. Es ist die Uberzeugung von der
Notwendigkeit eines Ineinanderarbeitens der ver-

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