Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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leien und andere Torheiten, die nun unvermeidlich
sind ebenso wie modernistische Spielereien und
andere Unsachlichkeiten, ohne Grund mit dem Aus-
druck seines Wesens gleichzusetzen sich bemüßigt
fühlt. Die beste Waffe gegen ein solches Ausdeu-
ten und gegen schädliches Mitläufertum hüben und

drüben wäre ein verständnisvolles Neben- und Mit-
einanderwirken des wohlverstandenen Heimat-
schutzes und des wohlverstandenen Werkbundes,
ihrem eigentlichen Sinne nach ergänzen beide ein-
ander, haben sich gegenseitig nötig und haben es
ja auch schon früher bekundet.

HEIMATSCHUTZ UND NEUES BAUEN

HANS ECKSTEIN

Der Heimatschutz hatte sich in seinem Kampf gegen
die Baugreuel in eine Frontstellung gegen das Neue
Bauen hineinmanövriert. Indem er „Anpassung" an
Landschaft, „Ortscharakter", an den Nachbarn zur
Rechten, zur Linken und gegenüber, „nationale
Eigenart", „Bodenständigkeit", „Rassigkeit" for-
derte, hat er fast das Gegenteil von dem bewirkt,
was er eigentlich erstrebte: er hat die historizi-
stische Stilarchitektur gestützt, die die bekämpften
Baugreuel überhaupt erst ermöglichte, und hat allge-
mein das Niveau der Architektur verderben helfen.
Er konservierte historische, d. i. tote Form, das
Surrogat galt ihm mehr als eine aus Geist und
Lebensgefühl der Gegenwart erwachsene Ar-
chitektur.

Allmählich beginnen die Heimatschützler zu be-
greifen, was die Vergangenheit wirklich lehrt: nicht
„Anpassung", krampfhaftes Festhalten an der „Tra-
dition", sondern ein ehrlich aus den Lebensbedin-
gungen der Zeit entwickeltes Bauen. Der bayrische
Heimatschutz eröffnet seine neue Zeitschrift „Der
Bauberater" mit einer programmatischen Vorrede
von R. Esterer, die den alten Standpunkt entschie-
den verläßt. „Nicht die praktischen und wirtschaft-
lichen Forderungen unseres technischen Zeitalters
an sich", heißt es da, „bedrohen die Schönheit unse-
rer heimatlichen Landschaft, sondern die unkulti-
vierten, minderwertigen Lösungen, die neuzeitliche
Bauaufgaben in den Händen Unfähiger heute noch
vielfach erfahren, mag sich dabei diese Minderwer-
tigkeit in überlebten, historischen Formen oder neu-
modischer Sachlichkeit' zeigen.... Auch für das
Bauen auf dem Lande wollen wir jene anständige
Baugesinnung wieder erwecken und pflegen, die
auch früher das Neue gleichwertig zum Alten fügte."
Nachdem Richard Klapheck in einem vom Rheini-
schen Verein für Denkmalpflege und Heimatschutz
herausgegebenen Buche „Neue Baukunst in den
Rheinlanden" zwar nachdrücklich für eine Zusam-
menarbeit von Heimatschutz und Werkbund einge-
treten ist, aber gleichzeitig mit beiläufigen Verbeu-
gungen vor Gropius und Le Corbusier gegen die
„Stuttgarter sowjetistische Gleichmacherei" pro-
testiert hat, erweckt allerdings Esterers Verwah-
rung gegen „neumodische Sachlichkeit" noch eini-
ges Mißtrauen. Will der Heimatschutz etwa nun auf
halbem Wege stehen bleiben und nur Anpassung
an den Betoncharakter, ein bißchen Modernisierung
der alten Stilarchitektur? Oder zielt der Ausdruck
auf die neuen Baugreuel eines pseudomodernen
Betonstils? In diesem Falle hätte das Neue Bauen

den Heimatschutz nicht mehr zu fürchten, dem
Bauen wäre wieder eine gesunde freie Entwicklung
gewährleistet. Die Forderung lautete nicht mehr
„Tradition", „Bodenständigkeit", „Anpassung", son-
dern gute Architektur.

Das entschiedene Eintreten des Heimatschutzes
für eine neuzeitliche Baugesinnung im Falle des
Neubaus eines Kursaals in Berchtesgaden
erweckt wohl noch mehr Vertrauen zu ihm als jene
programmatische Erklärung; denn dergleichen ist
schon mehrfach vom Heimatschutz seinen Gegnern
platonisch versichert worden. Der bayrische Hei-
matschutz hat also für den Berchtesgadener Kur-
saal die Anpassung an die 1908 von Franz Zell er-
baute Lesehalle abgelehnt, insbesondere das noch
immer manchen als „heimisch" par excellence er-
scheinende (durch die Bauordnungen allenthalben
begünstigte) Mansarddach verworfen und auf Aus-
führung eines guten zeitgemäßen Projekts der
Münchner Architekten Lechner und Norkauer
gegen alle Widerstände seitens der Regierung und
Gemeinde gedrungen. Es ergibt sich so die selt-
same Situation, daß der Heimatschutz in einem dem
Neuen wenig zugänglichen Lande zum Vorkämpfer
des Neuen Bauens wird. Während der bayrische
Staat in dem nahen Reichenhall vor wenigen Jahren
dasselbe geheimrätliche Stilpotpourri wie in Kissin-
gen aufführen ließ und allgemein die Neubauten des
Landbauamts auch in München (Pathologisches In-
stitut) sich noch nicht einmal auf dem (in München
allerdings relativ hohen) Niveau der Stilarchitektur
von 1890 halten, bestenfalls die neuen Formen ins
Kunstgewerbliche umbiegen (Landesamt für Maß und
Gewicht in München), hat dank der Bauberatung des
Heimatschutzes das kleine Gebirgsstädtchen Berch-
tesgaden einen Bau erhalten, der zwar den be-
schränkten Mitteln und den Verhältnissen ent-
sprechend bescheiden ist, der aber neben Vorhoel-
zers Postbauten zu den wenigen Zeugen einer
neuen Baugesinnung in Oberbayern gehört. Das
Berchtesgadener Bekenntnis zur Gegenwart tut
schon erfreuliche Wirkung: nicht nur haben sich
Gemeinde und Bevölkerung mit dem Bau vollkom-
men versöhnt, sondern der Neubau hat auch die
Anschauungen soweit geklärt, daß bereits verschie-
dene Hotelneu- und -umbauten nicht mehr in angeb-
lich traditionellem Schweizerhausstil, neubarock
oder wie sonst immer ausgeführt werden sollen, son-
dern nach den Grundsätzen der neuen Baugesin-
nung. Es bleibt zu hoffen, daß auch in diesen Fällen
der Heimatschutz das Neubauen fördert.

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