Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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daß der Architekt noch immer viel zu hoch hinaus-
will. Im Grunde denkt er noch immer: die Siedlung,
das ist mein Werk, meine Idee, mein Produkt, und
ich werde dieses Produkt zur größten künstlerischen
Vollkommenheit treiben .... die Menschen müssen
sich dann einpassen.

Aber die Siedlung ist erst mit den Menschen kom-
plett, und wenn in einer Siedlung außen der letzte
Stahl-, Glas- und Flachdach-Schick herrscht, und
innen stehen Plüschmöbel mit Muscheln, und gegen
Morgen- und Abendsonne sind schön mit Schleifen
in der Mitte geraffte Gardinen und auch Lambre-
quins und Stores, dann ist wieder etwas Wesent-
liches nicht richtig. Denn nie werden die eleganten
blanken Fronten jemanden erziehen, dazu sind viel
zu weit ab am äußersten Ende des anderen Flügels.

Hier Kunst ... hier Kitsch! der Schlachtruf reißt
die Parteien auseinander.

Immer wieder dieses Gefühl: die Flügel klaffen
weit auseinander, der Rumpf, die Mitte, die Verbin-
dung, der Ausgleich fehlt.

Sind diese blanken Frontwände hier überhaupt am
Platze? Diese Kleinwohnungen liegen in Gärten,
aber die Front erlaubt eigentlich nur, daß man vor
ihr im stilvollen Jumper sitze, vielleicht lese. Auch
hier überrennt das Leben der Bewohner, die im Gar-
ten regelrecht arbeiten und basteln, den Stil, der
einfach zu hoch gegriffen ist. Eine Einzelheit: über-
all hängt Wäsche auf der Leine und stört ästhetisch
sehr. Aber müßte es nicht anders sein? Müßte eine
gesunde, nahe Form nicht dieses alles aufnehmen
und vertragen?

Die Sockel der Hauszeilen waren grau gestrichen.
Ohne Frage war das sehr geschmackvoll und sah
nobel aus. Aber man war, als ich durch Dammer-

stock ging, eben dabei, das Grau mit Rot zu über-
streichen. Rot ist viel weniger „gut" als Grau. Aber
nicht vielleicht doch richtiger?

Es mag willkürlich scheinen, wenn ich in diesem
Zusammenhange von der Plastik-Ausstellung der
Sezession spreche, aber es ist notwendig, weil lehr-
reich. Denn sie bietet das genaue Gegenstück zu
Dammerstock.

In der Sezession ist es ganz auffallend, wie das
Motiv des Torso zum ersten Thema geworden ist.
Nicht der Mensch wird dargestellt, sondern sein
Rumpf. Wozu er Arme und Beine hat, wird hier
nicht gefragt.

Auch Dammerstock ist ein Torso. Aber hier fehlt
der Rumpf, und zum Thema wurden die Arme und
Beine, die Extremitäten. Beide sind Torso, beiden
fehlt die Totalität.

Die Sezession arbeitet für den Verkauf. Wer
kauft heute Kunst? Doch nur die „Gesellschaft",
die, gemessen am Totalen der Volksgemeinschaft,
ein Torso ist.

Die Architekten arbeiten für die Masse, und die
Masse ist zerteilt in Extreme.

Dort nur Statik, hier nur Dynamik. Sollte ein Kom-
promiß nicht von Nutzen sein?

Es sei noch einmal betont, daß diese prinzipielle
Erörterung die Leistung der Architekten in Dammer-
stock nicht herabsetzen soll. Wir sehen nur diese
Leistung im allgemeinen Schicksal unseres Bildens.
Man würde uns ganz falsch verstehen, wenn man in
unseren Ausführungen ein Rückzugssignal sehen
wollte. Mit den reaktionären Kritikern des Dammer-
stock haben wir nichts zu tun. Wir möchten vielmehr
anregen zu einem weiteren Fortschritt, denn
für einen Fortschritt möchten wir die Absage an das
Dogma immer halten.

REPORTAGEFILM - TATSACH EN Fl LM

Es ist ein offenes Geheimnis, daß die Film-
industrie es bis heute noch nicht fertiggebracht
hat, einen auch nur halbwegs guten Typ für die
Wochenschau herauszubringen. Während man sich
darüber streiten könnte, ob der Film ein Kunstmittel
darstellen kann, ist sich kein Mensch darüber im
unklaren, daß er ein wertvolles und zugleich leben-
dig anschauliches Reportagemittel ist. Daß er als
solches bis zur Lächerlichkeit banalisiert werden
kann, sieht man in jedem Kino eben in der soge-
nannten Wochenschau.

Und was für eine dankenswerte Aufgabe wäre
es, wenn man die Teile einer Wochenschau in
ein gedankliches oder filmisch interessantes Ge-
füge bringen würde, so daß eine Wochenschau-
vorführung mit einem filmischen Rhythmus abliefe
wie einzelne Montagefilme z. B. „Der Mann mit
der Kamera". Allerdings müßten diese Teile von
verständigeren und besseren Leuten aufgenommen
werden als es diejenigen sind, die heute diese
Wochenschau zu drehen pflegen. Dieses Verlangen
kann schon deshalb nicht als unerfüllbar bezeich-

net werden, weil die Reportage in immer stärkerem
Maße zu einer Art Kunstform wird und auf dem Ge-
biete des Films in den Tatsachenfilm hineinwächst,
in der Literatur eine ganz bestimmte künstlerische
Form annimmt und im Radio über interessante Ver-
suche hinaus durch die Geschicklichkeit einiger
Sprecher ein immer höheres Niveau bekommt. Der
sogenannte Kulturfilm, der ohne filmischen Ehrgeiz
nur schöne Landschaften oder naturwissenschaft-
liche Vorgänge in populärer Form darstellt, ist sicher
auch als eine Wurzel dieser neuen Form, die filmisch
geformte Reportageteile zu filmisch organischer Ein-
heit verbindet.

Bei der vollkommenen Verflachung des Spielfilms
gewinnt der Film, der Tatsachen darstellt und in
einer filmisch interessanten Weise zur Darstellung
bringt, in den Augen anspruchsvoller Menschen, —
von denen es bereits eine starke Gemeinde gibt,
was die verschiedenen Filmvorführungen im An-
schluß an die Stuttgarter Darbietungen bewiesen
haben, — eine erhöhte Bedeutung. Es ist eine fil-
mische Form, die von all dem, was wir bis jetzt ge-

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