Furtwängler, Adolf ; Reichhold, Karl ; Huber, Alois
Griechische Vasenmalerei: Auswahl hervorragender Vasenbilder aus dem gleichnamigen großen Werke (Text) — München, 1924

Seite: 10
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Tafel IV

SCHALE DES EUPHRONIOS
Herakles und Geryones

(München)

In drei Beispielen haben wir verschiedene Entwicklungsstufen des schwarzfigurigenVasenstilcs kennen-
gelernt. Das letzte zeigte uns diesen in seiner höchsten Vollendung, die zugleich auch sein Ende
bedeutet. Mit der Wende vom 6. zum 5. Jahrhundert verschwinden die schwarzfigurigen Gefäße all-
mählich ganz aus der griechischen Keramik. Der entwickeltere Kunstsinn der Hellenen stellte__wohl

unter dem Einfluß der großen Malerei und Plastik — höhere Anforderungen auch an die Vasenmalerei
Man begnügte sich nicht mehr mit den trotz aller Gliederung durch Innenzeichnung doch unplastisch
wirkenden Silhouettenfiguren. Die Griechen hatten, wie Plinius (n. h. XXXV, 56) ausführt, gelernt
„den Körpern Glieder und Gelenke zu geben, die Gewänder mit Falten und Bauschen zu versehen
und Figuren in Schrägansicht zu zeichnen". Für alle diese Neuerungen war der schwarzfigurige Stil
unzureichend. Da fanden die Griechen die glücklichste Lösung der Schwierigkeiten in der Umdrehung
des Farbenverhältnisses. Man setzte nicht mehr die schwarze Firnisfigur auf den rotenTongrund; man
sparte vielmehr die darzustellenden Körper und Gegenstände aus dem Firnis, mit dem man nunmehr
das ganze Gefäß belegte, aus. Es entstand der „rotfigurige" Stil.

Diese Umdrehung hatte natürlich eine ganze Reihe von einschneidenden Änderungen im Darstellungs-
prinzip der Vasenmalerei zur Folge; neben anderen Dingen verschwindet vor allem die Scheidung
Schwarz-Weiß für Mann und Frau. Dafürwar es möglich den menschlichen Körper im einzelnen viel besser
.durchzuarbeiten und von seiner starren Flächenhaftigkeit zu befreien, ihm durch Licht- und Schatten-
wirkung Leben und Bewegung zu geben. Wir dürfen nun freilich nicht annehmen, alle diese Fortschritte
seien sozusagen über Nacht gekommen. Es bedurfte einer jahrelangen U bung und Schulung, bis jene Voll-
kommenheit erreicht wurde, die wir an den Vasen etwa der perikleischen Zeit bewundern. Lange noch
blieb auch der „streng-rotfigurige" Stil in der archaischen Flächenhaftigkeit undTypik befangen und nur
Schritt um Schritt erkämpfte er sich, immer der großen Kunst folgend, die volle Freiheit der Darstellung.
Ein gutes Stück der streng-rotfigurigen Vasenmalerei, das sich heute im Museum antiker Kleinkunst in
München befindet, bringt die Tafel IV unserer Auswahl. Es ist eine flache doppelhenkelige Trinkschale
— Kylix nannten sie die Griechen — von 46 cm Durchmesser. Solche Schalen, die von den Alton
beim Gelage zum Schlürfen des Weines verwendet wurden, pflegten sowohl auf dem flachen Grunde
der Innenseite als auch an den Außenwänden bemalt zu sein.

Das leider beschädigte') Innenbild der Geryones-Schale zeigt einen vornehmen jungen Athener zu
Pferde; sein Körper ist in den schweren, faltenlosen thrakischen Reitermantel gehüllt; an den Füßen
trägt er nordische Pelzstiefel und auch seine Kopfbedeckung, eine besondere Art von Reisehut, ist
nicht in Athen heimisch. Wir haben es hier wohl mit einer nicht alltäglichen Reitertracht zu tun, die
mit der Rossezucht aus dem griechischen Norden, aus Thrakien und Thessalien, wo die letztere ja zu
Hause war, nach Athen kam. Sehr geschickt und glücklich sind Roß und Reiter in das Rund des Bild-
feldes hincinkomponiert; besonders beachtenswert sind in dieser Beziehung die Füße des sich leient
bäumenden Pferdes, die sich ohne jede Härte der gebogenen Grundlinie anpassen.
Es ist wohl nicht zuviel in das Bild hineingelesen, wenn wir in dem dargestellten jungen Mann den
schönen Leagros selbst erkennen wollen, den der Maler in der Lieblingsinschrift „Leagros kalo
(Acciypoirj xa[Xjoq) preist.
Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit dürfen wir in dem auch sonst auf Vasenbildcrn des öfteren verherr

') Die ergänzten Teile sind ebenso wie an den beiden AuDenfriesen durch Punktierung angedeutet.
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