Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 34.1911

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Seine Exlibris — fast immer monochrome lithographische Drucke —, von denen hier eine
charakteristische Auswahl vorgelegt sei, spinnen im allgemeinen den Faden seiner Bilderreihen und
größeren Einzelbilder weiter. Wie männiglich bekannt, webt Liebenweins Phantasie mit Vorliebe
im Stoffgebiet der altdeutschen Sage, der Legende und des Märchens. Er ist ein vorzüglicher Kenner
unserer mittelhochdeutschen Dichtung und das Nibelungenlied weiß er fast auswendig.

Heilige und gepanzerte Ritter, der Schalksnarr und der Sensenmann spielen denn auch in der
kleinen Welt seiner Buchzeichen eine führende Rolle; mittelalterliche Türme mit runden Erkern
blicken zum offenen Fenster herein. St. Georg, der Hauspatron, ragt hoch zu Roß auf dem Exlibris
Maximilian und Anna Liebenwein; im Hintergrunde grüßt der dicke Turm derBurg von Burghausen an
der Salzach, des Künstlers langjähriger, freundlich er Wohnsitz. Von Licht umflutet, faltet der siegreiche
Ritter die Hände zum Dankgebet; das in Gelb gedruckte Blättchen hat durch eine glückliche Flecken-
verteilung eine unbeschreiblich sonnige Wirkung. Einen weniger bekannten heiligen Ritter,
Gottfried von Kappenberg, führt das Exlibris Josefine Herrlein vor, einen dritten, in romanischer
Ausrüstung, mit Pfauenfedern auf dem Topfhelm, das Exlibris Emmy von Pfiügi, darunter ein
auf gemeinsame Kindheitserinnerungen anspielender Vers aus dem Nibelungenlied:

»Die e die tumben waren, wie grise die nu sint«.

Auf dem Exlibris Robert Kain (»Viel Feind, viel Ehr'«) huldigt ein Gewappneter kniend einer
schönen Frau. Speziell die Ärzte erscheinen dem Künstler in der oft heldenhaften Ausübung ihres
Berufes als Ritter ohne Furcht und Tadel, die kühnlich den Kampf mit dem »gräßlichen Gerippe«
aufnehmen. Das einemal wird der Knochenmann vom Ritter mit gezogenem Schwerte daran verhindert,
den Zeiger der Uhr auf die letzte (zwölfte) Stunde vorzurücken (Exlibris Dr. Brenner), das andremal
jagt der Gewappnete dem Hans Mors seinen Raub ab (Exlibris Dr. Hamm). Das Originellste in
dieser reizvollen Gruppe von Ärzteexlibris ist das für den Irrenarzt Dr. Schnopfhagen in Linz ge-
zeichnete, den der Maler in enger zeichnerischer Anlehnung an Dürers magistralen Stich als Ritter
trotz Tod und Teufel verherrlicht hat; der Berittene trägt den prachtvollen Kopf des Exlibrisherrn,
und der »Teufel« symbolisiert hier den Dämon des Wahnsinns. Ob Liebenwein weiß, daß Eduard
von Gebhardt für Wilhelm von Gebhardt ein ganz ähnliches Buchzeichen gezeichnet hat, nur mit
freierer Benutzung des Dürer-Blattes?

In diese Gruppe — mit altertümelndcr Stimmung — gehört auch das schöne Blatt für Hubert
und Marie von Wohnlich, eine zweifarbige Lithographie (schwarz und gelb mit Spritztönen). Die
Familie Wohnlich, die dem schottischen Uradel angehört und sich aus der Zeit der Kreuzzüge
herleitet, führt im Wappen das Kreuz über dem gestürzten Halbmond. Oberhalb des Wappens
stehen, auf den Zunamen und Lieblingsneigungen des Besitzers hindeutend, St. Hubertus der
Jäger und St. Petrus der Fischer einander gegenüber; aus dem Hintergrund schaut die Kirche
von Burgkirchen an der Alz (Ausfluß des Chiemsees) herein. Die Komposition ist ein Musterbeispiel
dafür, wie im Exlibris das Heraldische (das hier mit größter Akkuratesse behandelt ist) mit dem
frei erfundenen Bildhaften zu glücklichster Wirkung vereinigt werden kann.

Noch das jüngste Exlibris Liebenweins (Wolfram Leichtie, Kempten) schlägt einen gemütlichen
altdeutschen Ton an, der nun einmal auf dem Gebiete des Buchzeichens weniger archaisch klingt
als irgendwo anders. Ein junger Rittersmann von Maximilianischem Typus steht vor dem geöffneten
Fenster seines »festen Hauses« und liest; sein Schwert und allerlei Bücher liegen umher. Sonne
spielt im Gemach und um den bewehrten Turm draußen; eine trauliche Hieronymus-Stimmung -
die Harmonie der Sonntagvormittagstille und des wohnlichen Heims mit dem Frieden der geistigen
Arbeit durchwaltet das Ganze.

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