Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 34.1911

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EIN MARIENBILD VON MARTIN SCHONGAUER.

Seit kurzem ist der Wiener Privat-
besitz um ein hervorragendes Meisterwerk
altdeutscher Malerei bereichert worden:
Herr Rudolf Ritter von Gutmann hat ein
Marienbild von Martin Schongauer er-
worben, das sich früher in der Sammlung
des Herrn von Klinkosch in Wien befunden
hatte, zu Anfang der achtziger Jahre in den
Besitz des bekannten Pariser Kunstfreun-
des Baron Edmond von Rothschild ge-
kommen war und vor einiger Zeit im eng-
lischen Kunsthandel wieder auftauchte. Es
ist ein kleines Bildchen (unsere Heliogra-
vüre gibt es in Originalgröße wieder), trotz
der geringen Maße aber von hohem künst-
lerischen Werte. Dargestellt ist dieHalbfigur
Mariens in einen roten Mantel gekleidet;
sie läßt das vor ihr auf einem grünen Samt-
polster sitzende Christuskind in ihrem
Gebetbuche, das sie mit beiden Händen
hält, blättern. Das Kissen liegt auf einer
grauen Steinbrüstung, die sich rechts in
einem Stückchen Wand fortsetzt. Über dem
Haupte Mariens hält ein im Halbdunkel
fast verschwindender, in tiefes Grün ge-
kleideter Engel mit der Rechten eine präch-
tige Goldkrone, während er in der Linken
ein Zepter trägt.

Die malerische Ausführung ist von
unübertrefflicherFeinheit,von einem zarten

Reiz, wie wir ihn nur in ähnlichen Schöpfungen der altniederländischen Maler, die Schongauers Vor-
gänger gewesen sind, wiederfinden. Der Farbenauftrag zeigt den schönen, schmelzartigen Glanz der
Van Eyckschen Ölmalerei, die einzelnen Farben wirken tief und gesättigt. Die echt niederländische
Technik verrät sich auch darin, daß die Farbe an einzelnen Stellen, besonders an dem Flügel des

Martin Schongauer, Die Madonna auf der Mondsichel.

Kupferstich.

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