Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 34.1911

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KARL ELI.ERMANN.

Am 25. Jänner 1910 ist in München Karl Eilermann, ein junger westfälischer Maler und
Zeichner, gestorben. Einer von denen, die früh in Blüte stehen und vor der Zeit dahingerafft werden,
die viel verheißen und nicht zur Entfaltung kommen. Alles, was er geschaffen hat, gleicht nun ab-
gebrochenen jungen Zweigen, die man vom Boden aufsammelt und zum Strauß zusammenreiht.

Der Vergleich stimmt. Eilermanns Arbeiten sind etwas organisch Gewachsenes, von der
Natur Getriebenes. Das Gesunde, Kräftige, Verheißungsvolle in ihm stammt geradewegs von
seiner eigenen Naturanschauung her, die getragen ist von einem kräftigen und doch fein-
sinnigen Naturgefühl. Wald und Feld sind von Jugend an sein natürlicher Aufenthalt gewesen.
Die Wände der Schulstube hat er kaum kennen gelernt. Denn seinen Eltern war er ein rechtes
Sorgenkind, das oft Monate lang infolge eines frühen Herzleidens an das Haus gefesselt war.
Oft hat der Junge, dessen Körper trotz allem von Jugendkraft und Jugendlust erfüllt war, voller
Sehnsucht hinausgesehen. Denn seine Sinne waren früh schon auf die Beobachtung der Natur
eingestellt. Kein Bildungsstaub lag auf dem herangewachsenen Burschen, als er im Herbst 1907
bei Ubbelohde in Goßfelden eintraf, um bei ihm das Handwerkliche seiner Kunst zu lernen. Bis
dahin hatte er im wesentlichen auf eigene Faust gemalt, hatte nach der Konfirmation einige
Zeit bei einem Lithographen gearbeitet und war dann zu einem Dutzendmaler gegangen, bis
Dr. Bock in Marburg ihn auf Ubbelohde hinwies. Hier hat er dann angefangen, zunächst gleichsam
mit Ubbelohdes Hand zu malen und zu zeichnen, rein landschaftlich, mit einer Emsigkeit und einer
Akribie, die ihresgleichen sucht. Die große Zahl seiner gemalten und gezeichneten Studien spiegelt
seine schnell schreitende Entwicklung wieder. Unter Ubbelohdes Anleitung fing er auch an zu
radieren. Dreißig vollendete Kupferplatten fanden sich in seinem Nachlaß vor. Die ersten zwölf hatte
er zum Abschleifen bestimmt, sein vorzeitiger Tod hat das verhindert. Bei den letzten Platten, die in
München entstanden sind, fing er wiederholt an zu experimentieren. Diebesten, die im Sommer 1909
entstanden sind, zu denen auch die beigegebene Radierung »Weg zwischen Kornfeldern« gehört,
sind reine Strichätzungen. Aquatinta hat er nur in den Anfängen angewendet. Eine einzige, in den
ersten Drucken prachtvolle Kaltnadelradierung zeigt ihn auf dem sicheren Wege eigenen kraft-
vollen Ausdrucks. In allen früheren Blättern ist die Ubbelohdesche Herkunft Ellermanns in der
Technik mehr oder weniger deutlich zu spüren. Der Tod hat ihn gehindert, mit völlig eigenen
Mitteln das zu sagen, was ihn mit seinen innern und äußern Sinnen ergriff. Wie sehr er trotz
Ubbelohdes Nähe selbständig zu bleiben verstand, davon können seine besten Handzeichnungen
und Ölstudien Zeugnis geben, die sich im Besitz der Städtischen Sammlungen Bielefelds und in
Bielefelder Privatbesitz befinden.

Seit dem Frühjahr 1909 hat er bei Ubbelohde figürlich gearbeitet, ist dann im Herbst 1909
zu Gröber nach München gegangen, immer voll der größten Hoffnungen und Ziele, und ist nach
kurzem Krankenlager gestorben. Geboren war er am 12. Juni 1887 in Bielefeld. In der Senne bei
Bielefeld haben ihm die » Wandervögel« einen Gedenkstein gesetzt.

Heinrich Becker.
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