Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 39.1916

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sitzenden Mannes ist jene ideale Vereinigung der menschliehen Gestalt mit dem umgehenden Raum,
der an Wichtigkeit aber doch vor der Gestalt zurücktritt, erreicht. Die Einzelheiten der Form, wie
die Gelenke der Hand und die Funktion der Knie kommen ebenso klar zum Ausdruck wie die Ton-
werte des runden Hutes, wie das Licht, das durch die Fenster hereinflute;. Ein Klick auf die mit der
Feder ausgeführte Vorstudie lehrt uns, wie Leibl arbeitet, wie er zuerst sich bemüht, Haltung und
Form festzuhalten und dann erst bei dem ausgeführten Werk der großen Kohlenzeichnung die
Tonwerte und Lichtwirkungen einbezieht. Im ganzen gemalten Werke Leibls der neunziger Jahre
gibt es kein Bild, das in gleicher Vollendung wie diese Zeichnung die erwähnten Eigenschaften
aufwiese. Ja es erscheint fraglich, ob Leibl bei einem ausgeführten Gemälde es verstanden hätte,
die Frische der Impression dieses gezeichneten Meisterwerkes zu wahren. In der zweiten Hälfte
der neunziger Jahre macht sich eine flüssigere Technik, eine Verstärkung des rein malerischen
Elementes auf Kosten der nunmehr aufgelockerten, verbreiterten Form geltend. Unter den Zeich-
nungen repräsentiert diesen Stil vorzüglich die Wiener Vorstudie zu dem Stuttgarter Küchenbild.
Nicht die Komposition als Ganzes ist hier wiedergegeben, sondern der Künstler will Einzelheiten,
die er zur Ausarbeitung im Bilde benötigt, in der momentanen Beleuchtung festhalten. Die
Monumentalität, die in der Zeichnung des sitzenden Mannes enthalten ist, geht dadurch selbst-
verständlich verloren. Die Lichtwirkung aber ist noch reicher geworden und Einzelheiten, wie der
beleuchtete herabfallende Arm, gehören in ihrer Weichheit der Materie zum Schönsten, was Leibl
in dieser seiner malerischesten Zeit geschaffen hat.

Ludwig von Baldass.

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