Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 39.1916

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EGON SCHIELE.

Aus zahlreichen Beobachtungen ist ein Zurückweichen des Impressionismus in der modernen
Kunst zu bemerken, während eine starke Gegenströmung, die sich in recht bezeichnender Weise
Expressionismus nennt, als neue Phase des künstlerischen Schaffens einsetzt. Ging der naturalistisch
orientierte Impressionismus von feinsten Xetzhauteindrücken aus, so nimmt die aufstrebende junge
Generation den Weg durch das innerlich erlebte Gefühl zum gefühlsmäßig interpretierten Weltbild.
Sie redet eine antinaturalistische Linien- und Formensprache und steht unter einem suggestiven,
oft gewaltsam pointierenden Ausdruckswillen. Man kann die neue Kunstbewegung als eine kräftige
Reaktion gegen das Wesen des Impressionismus auffassen und sie trotz allen futuristischen und
kubistischen Außenseitern, trotz allen Bemühungen um die absolute Malerei positiv werten. Man
kann und muß es, weil in ihr ganz unverkennbar das Streben nach einem großen und die Zeit
repräsentierenden Stil zu beobachten ist, allerdings nach einem Stil, welcher der Gotik viel näher
liegt als allen klassizistischen Formen.

Nicht in der sklavischen Nachahmung der Natur, nicht in der Transponierung des Drei-
dimensionalen in die Sprache der künstlerischen Materialien will sich die Aufgabe der bildenden
Kunst erschöpfen, sondern einzig in der Verlebcndigung dessen, was an menschlichen Gefühls-
cnergien in und zwischen den Dingen (physiologisch unsichtbar und unfaßbar) webt und wirkt.
So verstanden, ist der Expressionismus nichts anderes als ein Zurückgreifen »auf den alten Sinn
und die seelische Bedeutung der künstlerischen Produktion überhaupt* (Max Fechter). Es ist
wichtig, auf diese Brücke zum allgemeinen, zutiefst im Menschlichen bedingten Trieb künstlerischen
Ausdrucks hinzuweisen, weil das Neue, Abrupte und Trennende bei den Modernen immer ungebühr-
lich stark betont und damit zu schweren Mißverständnissen über die Voraussetzungen ihrer Ziele
Anlaß gegeben wird.

Das hat auch Egon Schiele oft genug erfahren müssen, schon als er noch an der Wiener Aka-
demie als Stein des Anstoßes empfunden wurde. Aber es machte ihn nicht irre und er fand an allen
gefährlichen Stellen glücklich vorbei. Die Programmphrase »Los von der Natur!« hat nie so viel
über ihn vermocht, daß er je das gesamte Kunstschaffen hätte ad absurdum führen müssen wie
etwa die Futuristen; und die Forderung: »Zurück zum Gefühl!« hat ihn nicht in musikalische
Analogien verstrickt, worin die Malerei Kandinskys rettungslos verlorenging. Aber er hatte noch
eine schwere Klippe zu überwinden, nämlich die Gefahren des Kunstgewerblichen und des
Dekorativen. Von dorther drohte eine Beschränkung und Verarmung von Mittel und Zweck, von
dortaus wurden Methoden an die Aufgaben des freien Schaffens herangebracht, die ihnen aus
inneren Gründen ungemäß sein mußten und niemals zum Ziele führen konnten. Es war notwendig,
hinter dem alleinseligmachenden Phantom des Dekorativen eine andere Annäherungsmöglichkeit
an das Monumentale zu suchen. Im Zurückgehen auf das Gefühlsmäßige glaubt nun Schiele den
Punkt gefunden zu haben, von dem aus sich das Phänomen der äußeren und inneren Welt

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