Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — N.F. 4.1939

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WALTER HOLZHAUSEN / DIE ROLLE DER GRAPHIK IM WERK
JOHANN MELCHIOR DINGLINGERS

Die Augen der Nachwelt sind wieder dafür geöffnet, in Dinglinger ein staunenswertes schöp-
ferisches Phänomen zu sehen. Er ist einer der bedeutendsten künstlerischen Handwerker aller
Zeiten, gleich überraschend durch die Fülle der Form, die Brillanz und Gediegenheit der Technik,
wie auch die umfassende Intelligenz in der Aufnahme, Durchdringung und sichtbaren hand-
werklichen Gestaltung von Geistesinhalten, die seine Zeit und Mitwelt bewegten. Lange haben
sich seine Werke der Einordnung in eine Datenfolge verschlossen und dem Aufspüren ihrer
Quellen entzogen. Die Fülle seiner Formenwelt ist in der Tat so überwältigend und in das rein
Phantastische hinüberspielend, daß die Kluft von verwirklichter Form und benutzter Vorlage
unüberbrückbar schien.1

Das Phantastische seiner Formenwelt sehen wir, zum mindesten was die Bildung des Gefäßes
betrifft, in der Art, wie er aus den Materien Gold, Silber, Email, Perlen, Edelsteinen Gebilde
schafft, die im Einzelnen oft als Assoziationen fremder „Welten" auftreten, in der Wirklichkeit
des Werkzusammenhanges aber greifbare Teile des Gefäßkörpers werden. Die Gefäße, Konfekt-
schalen, Vasen werden wie Dosen und andere Werke zu Kabinettstücken erhoben, für die der
Barock einen besonderen Sinn entwickelte. Demgegenüber steht die Treue und der feine wissen-
schaftliche Takt, mit dem Dinglinger Elemente des Geographisch-Völkerkundlichen, des
Archäologischen und des Naturwissenschaftlich-Allegorischen in sein Werk übersetzte. Ding-
linger gehört zu den Künstlern, die als Denker und wissenschaftlich gerichtete Meister auf die
erlauchte Ahnenreihe der Meister der Renaissance zurückblicken. Von ihnen aber unterscheidet
er sich dadurch, daß er nicht mehr im ursprünglichen Sinne den Gesetzen der Natur nachspürt
im Glauben, damit das Wesen der Kunst zu ergründen, sondern daß er schon von anderen vor-
her bearbeitete Gebiete hauptsächlich beschreibender, wenn nicht geschichtlicher Natur zu be-
herrschen sucht. Er ist also als Mensch des Barocks, verglichen mit den Meistern der Renais-
sance, nur mittelbar ein wissenschaftlicher Künstler und hat darin Teil an einer Zeit, die ver-
gleichsweise spät genannt werden muß und die letzte Phase darstellt, die den Mythos des
Religiösen und des Heidnisch-Antiken mit dem Künstlerischen zu einer großen schöpferischen
Einheit verschmolz. Dinglingers Wissenschaftlichkeit bedeutet demnach nicht Forschung,
sondern wie bei anderen Meistern des Barocks — man denke an Rubens oder Rembrandt —
universelle Bildung. Es ist typisch, daß sich ansehnliche Bibliotheken nicht nur in seinem
Besitz, sondern auch in dem seines Bruders Georg Christoph und des Steinschneiders Hübner
in Dresden befanden.2 Charakteristisch ist in dieser Hinsicht Dinglingers nahe Beziehung zu
dem Unterbibliothekar an der Kgl. Bibliothek, Rüger, und zu dem Mathematiker und Erfinder
Gärtner.

In Dinglingers Kunst erweckt der Mythos des Heidnisch-Antiken das eigentlich Beschwingte
und Beschwingende, das Bezaubernde und jenes nur dem Erleben Zugängige, für das wir uns
mit der Umschreibung behelfen. Das Unnennbare der künstlerischen Synthese bei Dinglinger

1 Den ersten Versuch, hier Klarheit zu schaffen, unternahm der Verfasser in ,,Gcistesgeschichtliche Voraus-
setzungen des Kunsthandwerks unter August dem Starken (Nach den graphischen Vorbildern)". Mitteilungen der
Gesellschaft für vervielfältigende Kunst. Beilage der „Graphischen Künste", 1927, Nr. 2/3.

2 Das Verzeichnis der Bücher und Kupferstiche im Nachlaß des Georg Christoph Dinglinger hat sich erhalten
(Haupt-Staats-Archiv Dresden Amtsgericht D 154). Einen ähnlichen Bestand dürfen wir auch in der Bibliothek
Johann Melchiors vermuten. Es stellte sich nach Abschluß dieser Studie heraus, daß in der Tat in Georg
Christoph Dinglingers Nachlaß sich dieselben entscheidenden Veröffentlichungen landen, wie die hier zu Grunde
gelegten.

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