Haeberlin, Ernst J.
Aes Grave: das Schwergeld Roms und Mittelitaliens einschliesslich der ihm vorausgehenden Rohbronzewährung (Band 2): Tafelband — Frankfurt, 1910

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ZUR EINFÜHRUNG.

In der Anordnung des bildlichen Stoffes, wie er in den hauptsäch-
lichsten über das Schwergeld Italiens bisher erschienenen Sammelwerken,
nämlich ARIGONI’s, 1741—1745, — ZELADA’s, 1778, — CARELLI’s,
1811, - MARCHI’s und TESSIERI’s, 1889, - GARRUCCI’s, 1885,
vorgeführt wird, spiegelt sich der stufenweise Fortschritt wieder, den
die Erkenntniss des Zusammengehörigen und zwar vornehmlich auf
Grund der technischen und typologischen Merkmale im Laufe der Zeit
gemacht hat. Gleich den früheren Werken bringt in dieser Beziehung
auch das vorliegende den Stand der Forschung zur Zeit seines Erscheinens
zum Ausdruck, und wenn hierbei zum ersten Male im Anschluss an jene
geachteten italienischen Namen ein „straniere“, nämlich ein Deutscher,
es unternimmt die von ihnen gewiesenen Bahnen weiter zu verfolgen,
so mag diese Thatsache für das Interesse zeugen, auf das der hier be-
handelte Stoff auch ausserhalb der Grenzen seiner engeren Heimath
Anspruch zu erheben berechtigt ist.
Derselbe erschöpft sich jedoch nicht in der Vorführung des gemünzten
Schwergelds; letzteres ist vielmehr von der ihm vorangegangenen Roh-
bronzewährung untrennbar und wird erst durch sie verständlich. Dieser
Zusammenhang wurde jedoch in den älteren Abbildungswerken noch
nicht gewürdigt; vielmehr war Garrucci der Erste, der auf seinen Tafeln
auch bronzene Werthstücke mannigfacher Formen aus der dem Münz-
gusse vorausgegangenen Epoche in grösserer Zahl zur Anschauung brachte.
Diesem Beispiele folgen die neun ersten Tafeln des vorliegenden Werkes,
Garrucci’s Auswahl theils wiederholend, theils vervollständigend. Ich
habe hierbei neben dem „aes rüde“ auch die gangbare, wenn auch
sprachlich nicht einwandfreie Bezeichnung „aes signatum“ beibehalten
und noch ein Drittes, das „aes formatum“ zugefügt, um auch denjenigen
Stücken eine Benennung zu geben, die ohne bereits bestimmte Zeichen
oder Marken zu tragen, doch durch irgend welche äussere Form zu
der Masse des völlig formlosen Roherzes im Gegensätze stehen. Nach
Landschaften lassen sich indess diese Producte einer noch wenig vor-
geschrittenen Privatindustrie nicht mit Sicherheit unterscheiden, zumal
ja gerade die den Anfängen jeder Cultur eignenden einfachsten Formen
mit auffallender Gleichartigkeit über weite Gebiete verbreitet zu sein
pflegen. Nur soviel lässt sich sagen, dass nach Ausweis der Funde die
durch besondere Formen ausgezeichneten Stücke ihrer Mehrzahl nach
der nördlichen Region des späteren Schwergeldgebietes angehören.
Das gemünzte Schwergeld pssegte in den älteren Abbildungswerken
nach Nominalen (Assen, Semissen etc.) getrennt vorgeführt zu werden.
Das Material entbehrte noch jeder Sichtung, die Vorstellung desselben
war eine noch völlig chaotische. Wie eine Erleuchtung wirkte dem
gegenüber die in dem Werke der Patres March i und Tessieri durch-
geführte Ordnung. Der entscheidende Fortschritt bestand in der Zu-
sammenfassung eines grossen Theils des aufschriftlosen Schwergeldes zu
bestimmten Serien. Meines Erachtens ist dieses Problem von den ge-
nannten Autoren restlos gelöst worden und ich glaube nicht, dass in
der Zahl der verbliebenen Einzelstücke (meine Tafeln 68 bis 69) noch
weitere vollständige Serien enthalten sind. Weiter schloss sich an die
richtige Unterscheidung nach Serien wie von selbst die Zutheilung der
verschiedenen Schwergeldgattungen an die einzelnen Landschaften des
Gesammtgebietes an. Garrucci’s Werk hat zwar im Einzelnen manch
dankenswerthes Neue gebracht, vermochte jedoch in systematischer Be-
ziehung über das von seinen letzten Vorgängern Er reichte nicht hinaus-
zukommen und blieb in dem Versuche weiterer latinischer Serienbildungen
ESCHERSHEIM bei Frankfurt a. M., im Juni 1910.

ohne Erfolg; das von Garrucci zusammengestellte tarquinische Schwergeld
war zu Marchi’s und Tessieri’s Zeit meist noch unbekannt.
Seitdem ist die Betrachtung des ganzen Schwergeldproblems auf
neue Grundlagen gestellt worden. Es wurde der Nachweis geführt, dass
in der That Rom es war, das den Beginn mit dem Schwergeldgusse
machte, feiner dass die sechs grossen der hauptstädtischen parallel
gehenden Serien gleichfalls römisch, d. h. von Rom in seiner capuanischen
Münzstätte für das Latinergebiet hergestellt sind. Hiermit hat der Begriff
des „römischen“ Schwergeldes eine gegen früher ungeahnte Erweiterung-
erfahren; dasselbe umfasst in Folge dessen nicht weniger als 52 meiner
Tafeln (Nr. 10 bis 61), wozu noch 8 Tafeln (Nr. 62 bis 69) autonom
latinischen, bezw. campanischen Schwergeldes hinzukommen, während
dasjenige der übrigen Landschaften (Apulien, Vestini, Picenum, Umbrien
und Etrurien) sich auf 23 Tafeln (Nr. 70 bis 92) beschränkt. Da der
Schwergeldguss sich von Rom aus nach Campanien und Apulien ver-
breitete, wogegen für die umbrischen und etruskischen Sorten alle Merk-
male auf eine späte Zeit der Entstehung deuten, so befindet sich die
gewählte geographische Anordnung zugleich im wesentlichen Einklang
mit dem Gange der historischen Aufeinanderfolge.
Dass der „römischen“ Schwergeldgruppe auch die mit Münzbildern
gezierten Barren angehören, ergibt sich aus deren Stil. In der „Systematik
des ältesten römischen Münzwesens“ habe ich einem jeden derselben
seinen Platz im System anzuweisen gesucht und habe diese Anordnung
ebenso auf den Tafeln beibehalten. Es geschah dies, um nicht durch
Vereinigung in eine Sondergruppe die Barren zum Sohwergelde in einen
ihren Zusammenhang mit demselben verwischenden Gegensatz zu bringen,
zumal ich überzeugt bin, wenigstens einer Anzahl von ihnen die richtige
Stelle angewiesen zu haben. Sollte diese Anordnung einer künftigen
besseren Erkenntniss im Einzelnen weichen müssen, so wird kein Ein-
sichtiger es mir verdenken, dass ich noch nicht bis zu den letzten Richtig-
stellungen durchzudringen vermochte; jedenfalls aber wird meiner An-
ordnung vor derjenigen Garrucci’s, der die Münzbarren dem Schwergel.de
wie eine davon zu sondernde Gruppe vorausgehen liess, der Vorzug ver-
bleiben ein an sich richtiges Princip zum Ausdrucke gebracht zu haben,
wobei es stets ein Leichtes sein wird, die einzelnen Barren an Händen
des umstehenden Registers aufzufinden, auch wenn dieser oder jener
richtiger an eine andere Stelle gehört hätte.
Bezüglich der hauptstädtischen Reduction ergab sich die Wahl, sie
entweder unmittelbar an die hauptstädtische Libralserie anzuschliessen
oder ihr als gleichfalls römische Libralserien die sechs sogen, latinischen
Reihen vorausgehen zu lassen. Jenes entsprach mehr der örtlichen,
dieses der zeitlichen Reihenfolge; aus gewichtigen Gründen schien mir
jedoch die letztere den Vorzug zu verdienen; es wurde auf diese Weise
der Anschein vermieden, als ob die Gesammtheit dieser Reihen, von denen
mindestens die vier leichten der Reduction vorausgingen, ihr im Gegen-
theil zeitlich nachgefolgt seien.
Im Weiteren, namentlich bezüglich der fünf Supplementtafeln (Nr. 93
bis 97), sowie bezüglich der sechs Tafeln falscher und verfälschter Münzen
(Nr. 98 bis 103) sei auf das Vorwort zum ersten Textband verwiesen;
auch an dieser Stelle hebe ich nochmals hervor, dass von den auf den
sechs letzten Tafeln abgebildeten Stücken sich die drei auf Tafel 98, 3,
sowie Tafel 102, 1 und 2 abgebildeten nachträglich als ächt erwiesen
haben.

Dr. jur. E. J. Habberlin.

ERRATA CORRIGE:
Tafel 14, Nr. 10 unten lies: 278,35 gr. statt 178,35 gr. — Tafel 64 oben zum As von Reate lies: (Nr. 3 und 4) statt (Nr. 1 und 4).
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