Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 20.1909

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INN EN-DEKORATION

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FLÄCHEN-CHARAKTERISTIK.

Die Technik hat uns beireit, das ist der Lobes-
hymnus, den unsere Zeit sich selber singt. Und
mit Recht. Das Machtgebiet der Naturkräfte verliert
eine Provinz nach der andern, die Tyrannis der Ele-
mente erleidet steigende Einschränkung. Der trennenden
Gewalt des Raumes singt das Sausen der Telegraphen-
drähte ein ewiges Spottlied, die starren Stoffe geben
unter den starken Reagentien der Kultur jede physi-
kalische Eigenschaft auf, die uns zu überwinden gerade
gefällt. Die Technik hat uns befreit von der Willkür
der Natur — aber auch, und das ist die Kehrseite, von
ihrer Gesetzgebung, von ihrer Führung, von ihrem
freundlichen Zwange. Der Städter fühlt das manchmal
ganz dunkel, wenn er in den Ferienmonaten seinen ge-
wohnten kurzen Flirt mit Madame la Nature entriert.
Er sieht da plötzlich in den klobig einhertrottenden
Bauern nicht mehr einen zurückgebliebenen Typ des
Genus, von dem er selber eine höher entwickelte Art
darstellt. Sondern er beneidet ihn um die sichere,
energische und doch freundliche Gewalt, die ihn regiert,
die Gewalt der Natur. Unser, der demokratischen
Phrase verfallenes Zeitalter hat keinen Sinn gehabt für
die Werte einer wohlbegründeten Heteronomie. Der
Städter, von dem ich spreche, entdeckt sie mit diesem
Neide neu. Er fühlt, welch einen festen Takt, welch
einen sicheren Rhythmus die Natur in das ländliche
Leben bringt. Mit heimlicher Wonne nimmt er wahr,
wie hier alles vom Stand der Saaten und Weinberge
abhängt; er lernt mit heimlichem Vergnügen am Zug

der Wolken, an der Intensität des Sonnenbrandes, an
der Nähe oder Ferne des Gebirges das Wetter ablesen;
mit Freude, wenn auch äußerlich mißmutig, gesteht er
sich Beschränkungen seines Willens durch die Elemente
ein, die es in der Stadt für ihn nicht gab. Er findet sich
eben dem Gesetz gegenüber, und diese Konfrontation
mit dem Gesetz ist immer mit Lustgefühlen verbunden.

Auch den Stoffen gegenüber hat die Technik den
Menschen befreit, so daß er an die Willkür der Mate-
rialien nicht mehr gebunden ist. Aber leider hat die
Technik nicht nur die Willkür, sondern auch den
Willen, die berechtigten Lebensäußerungen der Mate-
rialien vernichtet. »Eritis sicut deus«, sprach die
SchlaDge Technik, und der Mensch berauschte sich an
dieser Macht. Nun aber wird ihm bei dieser Gott-
ähnlichkeit bange. Das Danaergeschenk der Freiheit
brennt ihm in der Hand, und begierig sieht man ihn
nun wieder ausschauen nach neuen Quellen des Müssens,
nach Quellen des Zwanges, als welcher allein seine Ge-
bilde zu adeln vermag. Wenn das heutige Kunstgewerbe
allenthalben so achtsam auf den Willen der Materialien
und ihrer Bearbeitungsweise lauscht, so verrät es damit
nichts anderes als diesen Hunger nach einem neuen,
stichhaltigen Beherrschtsein.

Nun, den Stoffen und ihrer Bearbeitungsweise ist
neuerdings ihr Recht in vollem Maße geworden. Aber
nicht nur die Stoffe haben ihre Rechte, sondern auch
die einfachen Grundformen aller dreidimensionalen Ge-
staltung kommen dem Lauschenden mit Anforderungen,

1909. xu. 4.
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