Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 20.1909

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INNEN-DEKORATION

Die Verwendung oder Vermeidung von Holzwänden
hängt nicht nur von der Frage nach den Reflexen,
sondern auch von der nach der Resonanz ab. Kurz:
sie empfehlen sich vornehmlich für den Vortragsteil
eines Großraumes, also für Rednernische, Kanzel usw.,
und diese Eigenschaft trifft gut zusammen mit der Gunst, in
welcher heute wieder die »Boiserie« mit viel Recht steht.
Weniger beliebt ist heute die Behangkunst; ästhetische
und akustische Erwägungen lassen dies jedoch als Unrecht
erscheinen. Alle Tapisserie — im weitesten Wortsinn —
wirkt reflexdämpfend, gehört also hauptsächlich in den
Großraum. Die Akustik ruft nach neuen Ehren für Gar-
dinen, Passementerien, für Netzkünste und Webereien. —
Das Dämpfen der Reflexe tut ganz besonders für die
Decke und'für die dem Yortragenden gegenüberliegende
Wand (für die »Gegenwand«) not. Ist also ein Saal
bereits akustisch ungünstig, so hängen wir etwa ein dichtes
Netz wagrecht un-
ter die Decke
oder lotrecht vor
die Gegenwand.
Die Gehänge, die
heute gern in of-
fen e Türen gehän gt
werden, vertragen
für den angedeute-
ten Zweck eine
technische und
ästhetische Durch-
bildung. Sodann
könnten wir wahr-
lich , und zwar
aus mehrfachen
Gründen, gegen-
über dem neuzeit-
lichen »Marmor-
saal« und »Spie-
gelsaal« den älteren
»Textilsaal« wieder
zu Ehren bringen
und können es um
so eher, als die
Gobelin - Kunst,
unterstützt durch
neuste Handwebe-
stühle, frischenAuf-
schwung nimmt.

Mit den Möglichkeiten, unakustische Räume durch de-
korativen Schmuck zu verbessern, befaßte sich auch
kürzlich ein Artikel »Über Akustik der Kirchen< in der
Zeitschrift »Der Pionier, Monatsblätter für christliche
Kunst«. Nach ihm genügt die Bedeckung mit unge-
fütterten Stoffen oder Tapeten, das Ausspannen von
Fäden vor einer Wand und sogar das Behängen mit
Teppichen noch immer nicht. Er verlangt Stärkeres,
insbesondere Verdoppelung: also eine Bespannung mit
locker in Falten gelegtem, dickem Baumwollstoff oder
doppelte Bedeckung, also Behang mit gefüttertem Bar-
chent, gefüttertem Samt oder unterlegten Teppichen;
dann in einer Kuppel Kassetten mit Stroh und noch
einem Stoffe darüber oder dergleichen mehr. — Na-
mentlich eine Ineinanderarbeitung von Plastik und
Textilkunst scheint uns daraus auf alle Fälle als eine
neue Bereicherung des Innenschmuckes hervorzugehen.

In solcher Weise
könnte sich für
uns noch eine
weite Wanderung
durch die ver-
schiedenen Kunst-
techniken hin-
durch lohnen. Wir
würden z. B. für
eine rauhere Mo-
saik im Großraum
und für eine glat-
tere im Kleinraum
sowie in der »Ap-
sis«, der histo-
rischen Haupt-
Heimat der Mo-
saik , eintreten.
Wir würden viel-
fache Künste auf-
rufen , um unse-
ren meist recht
dürftig kahlen Ver-
sammlungsräumen
und Konzertsälen
schöneren Schein
und einen klareren
Klang zu schaffen.

DK. H. SCHMIDKUNZ
IN BERLI N-HALENSEE.

ARCHAISCHE MARMOR - SKULPTUR: DIANA. POLYCHROMIERT VON PROF. FRANZ v. STUCK.
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