Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 20.1909

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INNEN-DEKORATION

PROFESSOR KMANUKL VON SEIOL—MÜNCHEN. Schloß Rehnitz. Wirlschafts-Gcbäude.

FACHMANN UND KRITIKER.

Qo lange es eine Kritik gibt, gibt es auch Leute, die
^ dem Kritiker die Existenzberechtigung absprechen,
die ihn danach fragen, wie just er dazu käme, ein
Urteilsrecht für sich in Anspruch zu nehmen, wer ihn
denn dazu berufen hätte, und wo er sich die nötige
Vorbildung geholt. Es ist begreiflich, daß die, denen
der Kritiker einmal Schmerzen bereitet hat, am eifrigsten
dabei sind, dem Bösewicht die Axt an die Wurzel zu
legen. Der oberflächlichen Betrachtung könnte es ge-
nügen, das Anrennen gegen die Herrschaft des Kritikers
auf solche Verärgerung zurückzuführen; man könnte die
Achseln zucken und sagen: der Mann hat recht, ihm
muß der Kritikschreiber ein Stein des Anstoßes sein. In-
dessen, die Möglichkeit liegt nahe, daß auch die, denen
die Kritik mancherlei Gutes getan, heimlich, wenn
sie unter sich sind, den sehr geschätzten Förderer
süffisant belächeln: eigentlich hat er doch keine Ahnung
und das Wesentliche vermag er nicht zu sehen, aber
er backt aus Worten eine gute Pastete, an der unser
Ruhm und unser Portemonnaie sich satt essen können.
Mit solcher Duldung kann der Kritiker sich nicht zu-
frieden geben; er muß seine Daseinsberechtigung und
seine Notwendigkeit fester gründen. Es darf ihm nicht
genügen, als ein wohlwollender Onkel' angeprostet zu
werden; er muß seinem dreifachen Amt als Richter,
Erzieher und Prophet die begründete Anerkennung ver-

schaffen. Er muß dem Begriff vom Fachmann, den
man gegen ihn auszuspielen pflegt, den Wind aus den
Segeln nehmen; er muß seine volle Zuständigkeit und
zwar eine Zuständigkeit im höheren Sinne nachweisen.
Erst dann wird er hoffen dürfen, daß sein Lob nicht
nur eine Reklame, auch eine Produktionskraft ist;
vielleicht gelingt es ihm sogar, die Getadelten, die
Widerstrebenden, von dem positiven Wert seiner Negation
zu überzeugen.

*

Die Fachleute wollen den Kritiker nicht, aber sie
möchten die Besprechungen, möchten Artikel über sich
und möglichst gegen die anderen. Da liegt die Frage
nahe, warum schreiben die Fachleute nicht eigentlich
selbst das, was sie für nützlich halten. Warum greifen
sie nicht zu dieser radikalen Lösung? Weil: erstens,
die Wirkung auf das Publikum ausbliebe, wenn der
Künstler und der Produzent sich selbst lobten. Zweitens,
weil sie in den seltensten Fällen vermöchten, die gute
Meinung, die sie über sich haben, in verständliche und
wirksame Form zu bringen. Die Erfahrung lehrt, daß
einem Urteil nur dann Wert beigelegt wird, wenn es
auf neutralem Boden wuchs; das Publikum ist ein
Racker, es glaubt dem Maler Meyer nicht so ohne
weiteres, daß seine Bilder die besten des Jahrhunderts
seien, noch dem Fabrikanten Lehmann, daß seine Fauteuils
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