Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 20.1909

Page: 49
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/innendekoration1909/0065
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
XX. JAHRGANG.

DARMSTADT.

FEBRUAR 1909.

DEUTSCHE WERKSTÄTTEN FÜR HANDWERKSKUNST.

Es gibt Firmen, bei denen es so ziemlich dem
glücklichen Zufall überlassen bleibt, ob ihre
Arbeiten künstlerisch etwas wert sind oder nicht.
Sie haben in ihrer Produktion keine Eigenart und
keinen Standpunkt. Sie haben kein Ziel. Sie
haben nur einen Zweck: Geld verdienst. So nehmen
sie die Aufträge, wie sie kommen, und man kann
bei ihnen lediglich von besserer oder minderer
Ausführung sprechen, nicht aber von Charakter und
Leistung. Dann wieder gibt es Firmen, die bevor-
zugen bewußt und grundsätzlich »das Historische«,
d. h. ein mehr oder minder geschmackvolles
Arrangement überkommener, gesammelter Stil-
formen. So weit hier bewußte Absicht, konserva-
tiver Sinn lebendig ist, steckt in solchen Arbeiten
auch Charakter und Überzeugung. In jeder Stadt
gibt es einen oder mehrere Tischler, die dem
Qualitätsanspruch eines beschränkten, oft erlesenen
Publikums genügen, nichts von Neuerungen, von
Künstlerarbeit wissen wollen, aber doch mit einigem
Recht beanspruchen können, ihre Arbeiten als
geschmackvoll und gediegen geachtet zu sehen.
Und trotzdem ist, was sie leisten, keine eigentliche
Leistung. Denn im Grunde arbeiten sie nur für eine
Zeit, die gewesen ist, für ein Empfinden, das sich
vererbt, nicht aber aus eigener Kraft entwickelt

hat. Ihrem Wirken fehlt die zeitgeschichtliche
Bedeutung, denn es fehlt ihm die Selbständigkeit.
Früher oder später ist das Erbe vertan, das Emp-
finden veraltet. Der Rückschritt ist unabweislich,
weil man dem Fortschritt nicht folgen konnte, oft
auch nicht wollte. So hat gar manche, an sich
achtungswerte und gute Firma in den letzten Jahren,
den Jahren des Erstarkens eines neuen Form-
gefühls, den Betrieb nicht unerheblich einschränken
und alte, gute Handarbeiter entlassen müssen.

So wirkt der Geist im Wirtschaftsleben. Neue
Unternehmen aber fingen den neuen Geist in
ihre Segel. Unter diesen sind die »Deutschen
Werkstätten für Handwerkskunst« heute
wohl die erfolgreichsten. Sie haben Betriebe in
Dresden und München, Verkaufsstellen in Dresden,
München, Berlin, Hamburg, Hannover, und be-
schäftigen zirka 600 Arbeiter. Der weitausgedehnte
Bedarf wird hier lediglich durch künstlerische
Originalarbeiten gedeckt, und wie gute Künstlerstein-
zeichnungen manchen Öldruck und manch schlechtes
Gemälde verdrängt haben, so auch die guten Möbel
der Deutschen Werkstätten für Handwerkskunst
manchen Schrank mit Muschelaufsatz, manches
Plüschsofa mit Löwenköpfen u. dgl. mehr. Und je
tiefer diese Reformarbeit ins Volk hinabsteigen kann,

1909. II. 1.
loading ...