Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 20.1909

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INN EN-DEKORATION

CAMPBELL & PULLICH—BERLIN. Entwurf zur Ausbildung einer Büfettwand.

CAMPBELL & PULLICH—BERLIN.

Die deutsche Architektur und Innenkunst unserer
Tage steht seit kurzem unter dem Zeichen
einer doktrinären Ängstlichkeit. Man »traut sich
nicht recht«. Die machtvolle Reaktion gegen die
historische Kopie des neunzehnten Jahrhunderts
hat zu einer neuen Ergründung der Urformen von
Haus, Möbel und Gerät geführt, wie sie sich aus
Zweckbestimmung und Material ergeben. Der
Zorn gegen die Ornamentkleberei rief das andere
Extrem hervor: die Schmuck-Askese. DasSchwelgen
in Zierformen ward von der Leidenschaft für die
Einfachheit, die Liebe zu den endlosen Kurven
und Schnörkeln vom strengen Ernst der Geraden
und der rechten Winkel, die unkultivierte Freude
an buntem Durcheinander vom Streben nach stillen
und ruhigen Farbenharmonien verdrängt. Alles
sehr schön und gut und richtig! Nur Eins ist
dabei immer mehr in Gefahr geraten: die künst-
lerische Phantasie. Und schon hat sich aus diesen
Zuständen eine neue Bedenklichkeit entwickelt; es
droht ein Rückschlag zur offenen und verschämten
Wiederaufnahme der geschichtlichen Stile. Von
der gehaltenen Schlichtheit der modernen Em-
pfindung täuscht man sich mit einer kleinen Selbst-
beschwindelung ins Empire hinein. Sucht man
den Ausdruck vornehmer Festlichkeit, so blinzelt
man zum Louis XVI. hinüber. Hat man Lust zu
Zierlichkeit und Grazie, so kokettiert man mit dem
Rokoko. Und verlangt man Wärme und Schwere

für ein Speisezimmer, so kehrt man gar, zu bequem
für aufreibende Selbständigkeit, mit fliegenden
Fahnen zum bewährten Heilmittel der Renaissance
zurück; nichtzum »altdeutschen« Butzenscheibentum,
das endgültig abgewirtschaftet hat, aber zur fries-
ischen und vlämischen Renaissance, die unsere
Väter noch nicht völlig abgegrast haben.

In dieser verwickelten Situation kann uns der
unerschütterliche Geschmack des Volkes, dessen
Anregungen wir letzten Endes die gesamte Reform
unseres Kunstgewerbes danken: der Engländer, von
neuem wieder gute Dienste leisten. Gewiß nicht
durch eine sklavische Nachahmung ihrer Werke,
der heute so wenig wie vor fünfzehn Jahren
jemand das Wort reden wird. Aber durch ein
freies Studium ihres sicheren Formgefühls, das über
alle modernen Sachlichkeitstendenzen hin mit den
festen alten Traditionen der britischen Kultur ver-
wachsen ist. In Berlin hat ein glücklicher Zufall
just in diesem Zeitpunkt für eine Vermittlung
zwischen den beiden Nationen gesorgt, der sich das
Interesse der Kunstfreunde immer lebhafter zu-
wendet. Die Firma Campbell und Pullich, auf
deren außerordentliche Leistungen auch früher schon
in diesen Blättern hingewiesen wurde, hat das
Dolmetscheramt übernommen; ein Engländer und
ein Amerikaner, die sich vor drei Jahren in der
deutschen Hauptstadt niedergelassen und sich in
dieser kurzen Zeit ein überraschend großes Kapital
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