Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 20.1909

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INNEN-DEKORATION

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ARCHITEKTEN BISCHOFF & WEIDELI-ZÜRICH.

SPEISE-ZIMMER SCHWARZBRAUN EICHE.

DAS ARCHITEKTONISCHE PRINZIP IN WOHNRÄUMEN.

Seit der Mensch gelernt hat, über Zelt und Hütte
hinaus höhere Ansprüche an seine Behausung, an
seine Wohnung und sein Heim zu stellen, ist die Bau-
kunst die Erfüllerin seiner gesteigerten Wünsche ge-
wesen. Früher war der Baukünstler nicht nur der
Schöpfer und Erbauer des Hauses, sondern auch der
Gestalter und Herrichter der Räume, und das nicht
nuj" bei Rathäusern und Patrizierpalästen, sondern auch
bei den Geschäfts- und Wohnhäusern für den Bürger.
Das architektonische Prinzip wuchs also von Grund auf
rrilt- Die Ausbildung der Fenster- und Türgewände,
der Erker und Söller, der Dielen- und Treppenanlagen,
der Decken- und Wandverkleidungen, kurzum, das Ein-
geweide des Hauses wuchs, weil in einer Hand liegend,
mehr mit dem Äußern, mit der Schale desselben zu-
sammen. Der Baukünstler alter Zeit war im großen
ganzen der gute Geist des Hauses, der die Handwerker
ln seinen Dienst nahm und in seine Absichten ein-
jührte. Wir können uns die Einheitlichkeit alter Ge-
bäude gar nicht anders erklären; es gab schon nicht
e'ne so sehr aufgelöste Arbeitsteilung wie heute, gleich-
zeitig war aber auch der Baukünstler alten Schlages
zugleich mehr Handwerker als seine modernen Kollegen.
Namentlich waren die Baukünstler Steinmetze oder
^immerleute, häufig auch wohl alles beides; das wech-

selte mit den Örtlichkeiten, ob das Holz — wie in
den Harzstädten, so in Goslar und in Braunschweig,
Halberstadt, dann in Lüneburg und Hildesheim — als
Baumaterial überwog oder der Stein, wie etwa in Augs-
burg, Nürnberg, Münster und Magdeburg infolge nahe-
liegender Brüche oder leichter Beschaffung per Wasser-
fracht besonders begünstigt wurde. ] )er Raum entstand,
dem Material entsprechend, als unmittelbare Leistung
des Architekten.

Betreten wir alte Häuser in den oben genannten
Städten, so finden wir auffällige Abweichungen in den
Raumabmessungen im Vergleich zu den Zimmern unserer
Wohnungen. Die Räume waren durchschnittlich kleiner
und niedriger, wirkten aber trotzdem nicht an sich
klein, weil die Höhenmaße meistens unter der Breiten-
maße des Zimmers blieb. Die Wände waren stärker
und ergaben tiefere Fensternischen; die Deckenbalken
blieben sichtbar und gaben dem Raum ein strengeres
Gefüge; die Fenster waren kleiner und schlössen den
einzelnen Raum mehr von der Straße ab; abgesetzte
Steinschichten und Wandnischen, dann die häufige Holz-
verkleidung der' Wände gaben dem Raum Richtungs-
linien und Unterteilungen und damit eine gewisse ar-
chitektonische Belebung. Des weitern war das Mobiliar
durch alle Zeiten hindurch bis zu Tisch und Truhe
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